02
Dez
09

Der wundersamen Reise zweiter Teil

Das glaubt mir keiner. Außer vielleicht, wenn ich darauf hinweise, dass ich mir eine solche Geschichte niemals ausdenken würde, da sie jeder Glaubwürdigkeit entbehrt…

Das Einschreiben ist bis zum heutigen Tag nicht mehr aufgetaucht, der Konzern verstummt. Glücklicherweise gibt es vom damit Gesendeten eine Kopie, die mir am Donnerstag noch einmal zugeschickt worden ist. Oder sei, wie mir meine Auftraggeberin am Dienstagmorgen am Telefon erzählt. Allein – bei mir ist sie nie angekommen, auch wenn die Kundin die Bestätigung vom Kurierdienst erhalten hat, dass die Sendung bei mir am Freitag frühmorgens abgegeben worden ist. Keiner in diesem Haushalt hat sie angenommen. Nicht ich, nicht eines der anderen Familienmitglieder. Einen kurzen Augenblick dachte ich, vielleicht habe ich ein psychisches Problem, vielleicht wohnt noch jemand in meinem Körper, jemand, der es nicht gut mit mir meint, Sendungen annimmt und mir das verschweigt. (in der Art nachzulesen in: „Ich und die anderen“ von Matt Ruff)

Das Problem mit der Glaubwürdigkeit tauchte auch wieder auf: der Kunde hatte bereits nachgefragt, ob meine angegeben Adresse eine legale sei. Um ihn von meiner Unschuld zu überzeugen, trat ich direkt mit ihm in Kontakt. Dabei erfuhr ich, dass es sich bei dem beauftragten Kurierdienst um DHL handelt, der andere Teil meines Lieblingslogistikkonzerns, der bald auf mich zukommen wird um mir eine großzügige Entschädigung für meine Leiden….

Nun gut, die Sendungsverfolgung ergab, dass der Fahrer am Freitagmorgen zu einer bestimmten Uhrzeit das Päckchen bei %empf abgegeben hat. %empf gibt es keinen hier im Haus, auch nicht im hinteren Gebäude. Auch keinen Dempf, Schlempf, Quempf. Niemand, der auf „empf“ endet. Also rufe ich an bei DHL. Vorsicht: Die Kosten für das Kundentelefon sind hier deutlich höher, mit 14 Cent pro Minute. Dafür ist schneller jemand dran: „ja, die Sendung konnte nicht zugestellt werden, hier steht: war zu. Ich kann Ihnen anbieten, das Päckchen morgen liefern zu lassen – zwischen 8 und 12, 12 und 17 oder 17 bis 20 Uhr.“ Ich weiß nicht, warum ich nicht gesagt habe, „Nach allem was sich Ihr Konzern mit meinem Päckchen geleistet hat, dürfen Sie es mir morgen vormittag am exakt 9:17 liefern und keine Mätzchen mehr hier.“ Oder so. In meinem Inneren fühle ich eine tiefe Resignation aufsteigen, gepaart mit der Freude am Absurden. „Ja, zwischen 8 und 12 wäre gut, ich bin nur 20 Minuten weg in der Zeit, weil ich mein Kind zum Kindergarten bringe,…“ „- da kommt er dann bestimmt, das ist immer so, bei mir ist es üblicherweise beim Duschen…“ Ich lache höflich, der Mann weiß ja nicht, was schon hinter mir liegt. „Machen Sie lieber einen Zettel an die Tür, damit der Zusteller weiß, wo er es abgeben kann.“ „Ja, klar, mache ich…“

Ich frage nur vorsichtig nach: „Ach, eins noch: ist es nicht ein wenig merkwürdig, dass ich gar nicht erfahre, wenn die erste Zustellung schiefgeht?“ „Haben Sie denn einen zugänglichen Briefkasten?“ Ein unzugänglicher macht gar nicht so viel Sinn, finde ich, aber ich behalte es für mich. „Ja, habe ich.“ „Nun, darf ich dann eine Reklamation für Sie aufnehmen?“ Ich winke ab, verbal. Was soll ein weiterer ausgefüllter Zettel, den niemand interessiert und der bestenfalls einem Zusteller, der nichts dafür kann, dass die Arbeit von zu wenigen und zu schlecht qualifizierten Leuten gemacht werden muss, einen Rüffel einträgt. Er fragt nochmal die Adresse ab, vermerkt „Darf auch bei Nachbarn abgegeben werden.“

Um 16 Uhr klingelt mein Telefon. „Ja, hier … von DHL Express. Sie warten bestimmt auf eine Sendung von …(Name des Absenders)? Die haben wir nämlich hier, konnte nicht zugestellt werden, da ist keine Hausnummer drauf.“ Ich finde, es wird langsam schwer zu ertragen. „Wie bitte? Aber mir wurde doch am Freitag angeblich etwas zugestellt, nur war da ja zu?“ „Ja, warten Sie ich schau mal nach, ja da steht „war zu“. Aber das konnte der gar nicht zustellen, da ist ja keine Hausnummer drauf.“ Vor meinem inneren Ohr höre ich sowohl den Kunden nochmal die vollständige Adresse abgleichen als auch den Herrn vom DHL-Kundentelefon am selben Morgen. Alle, ALLE hatten meine Hausnummer richtig. Aber sie war nicht auf der Sendung vermerkt. Wenn ich wüßte, wie es ginge, würde ich schreien. Selbstbeherrschung ist für Feige.

Das bleibe ich dann auch. Es ist noch ein wenig aus mir herausgebrochen, der flinke – es war ja erst Dienstag – und wirklich freundliche, wenn auch etwas überhebliche („Sehen Sie, Sie jammern, dass wir nicht ordentlich zustellen, dabei sind Ihresgleichen nicht mal in der Lage, die Adresse vollständig aufs Paket zu kriegen“) DHL-Mitarbeiter hat wahrscheinlich überhaupt nicht verstanden, wo mein Problem liegt.

Ich weiß nicht, ob es sich um eine Verschwörung handelt, ob jemand ein persönliches Hühnchen rupft und mich auf perfide Weise in den Wahnsinn treiben möchte. Wenn es so ist und er das hier liest, mag er sich freuen, er hat mich ein Stück in die richtige Richtung getrieben.

Das Päckchen kam übrigens heute vormittag – in den 20 Minuten, in denen ich meine kleine Tochter…Gott sei Dank ist die Große krank und konnte es deshalb entgegen nehmen. Soweit bin ich schon

27
Nov
09

Die wundersame Reise eines Einschreibens? – Eine Schelmengeschichte der Deutschen Post DHL

Nach eher nicht so erfreulichen Erfahrungen mit verschiedenen Logistik- und Speditionsdienstleistern im letzten halben Jahr hatte ich mir überlegt, dass es wahrscheinlich doch die paar Cent mehr wert ist, seine Sendungen in die Hände der Deutschen Post zu geben: zuverlässig, kompetent, vertrauenswürdig.

Päckchen, die bei mir völlig fremden Menschen ein paar Häuser weiter abgegeben werden, Koffer, die abends um halb zehn abgeholt und einen Tag vor der eigenen Ankunft wieder geliefert werden, eine Sendung, die ohne weitere Mitteilung dann doch nicht privat – wie auf dem Zustellschein vermerkt – sondern lieber im Paketshop abgegeben wird: ich dachte, das alles ist nicht mehr zu toppen.

Mein für Montag sehnlich erwartetes, weil von Berufs wegen essentiell dringendes, Einschreiben wurde mir am Dienstag nicht zugestellt – obwohl es sich um ein Einwurfeinschreiben handelte – sondern eine Benachrichtigung, dass es für mich in der zuständigen Postfiliale bereit läge, „heute jedoch nicht“ mehr. Also gehe ich Mittwoch morgen zur zuständigen Filiale, warte bis sie um 9 aufmacht, warte bis ich dran bin, um zu erfahren, dass meine Sendung nicht auffindbar ist.

Stattdessen wird ein Reklamationsformular ausgefüllt, welches dann an die zuständige Stelle gefaxt wird, welche sich dann mit mir in Verbindung setzen wird,…..“Wie“, sage ich, „da gibt es keinen direkteren, unmittelbareren Weg der Schadensbehebung?“ Nein, und überhaupt, wie würde ich mir das vorstellen, der zuständige Zusteller sei ja nun unterwegs, ergo nicht erreichbar. Ach so, ja klar.

Drei Anrufe beim Kundentelefon ergaben zwei Zusicherungen (im Abstand von 24 Stunden), dass sich die Post natürlich sofort und intensiv um mein Anliegen kümmere, und mir selbstverständlich zeitnah Bescheid gäbe, der dritte Mitarbeiter war nicht so willig, und hat meinen gerechten Zorn kalt abgeschmettert: „Wir sind ein großes Unternehmen, da dauert es, bis man die zuständige Stelle gefunden hat. Selbstverständlich hat sich sofort jemand intensiv Ihres Problems angenommen, die rotieren, um dieses Einschreiben wieder zu finden.“ Gefangen in meinem gerechten Zorn habe ich erst Stunden später erkannt, dass der mich auf den Arm genommen hat. Sympathiepunkte hat es ihm trotzdem keine eingebracht.

Ein gestriger Besuch bei der zuständigen Filiale – es ist müßig zu erwähnen – hat nichts gebracht: „Nee, nee, die suchen das noch. Die Verwaltung hat schon mal angerufen heute, ob das hier ist.“ War ja nur ein verzweifelter Versuch.

Unterdessen sammle ich Geschichten. Über die Deutsche Post und ihre Missgeschicke. Eine gute Freundin, hat vor ein paar Monaten ein Päckchen geschickt, das unauffindbar verschwunden ist. Wegen Vorfrankierung taugte es leider auch nicht für den schicken Service der Sendungsverfolgung. Und der Betrag konnte wegen Geringfügigkeit nicht erstattet werden. Wahrscheinlich ist es sicherer Lotto zu spielen als genau den Betrag zu treffen, der nicht zu klein und nicht zu groß zum Erstatten ist für die Deutsche Post.

„Ich schicke nie etwas per Post, wenn etwas wirklich und schnell ankommen muss, “ sagt ein Freund aus einer größeren Berliner Agentur. „Das weiß doch jeder.“ Ich jetzt auch.

Heute habe ich zwei identische Schreiben erhalten. Mein Ärger wird verstanden und man entschuldigt sich für die Unannehmlichkeiten (auch ein schönes Wort für entgangene Folgeaufträge auf Grund nicht fristgerechter Leistungserbringung). Der Aufenthaltsort meines Einschreibens könne leider trotz konzertierter Aktion nicht ermittelt werden, vermutlich sei die Sendung zurück an den Absender gegangen. Bisher zumindest nicht.

Ich bin einigermaßen sprachlos. Worte finde ich hoffentlich wieder, wenn „die zuständige Stelle im Konzern sich mit mir in Verbindung setzt“ um über eventuell entstandene Schäden zu verhandeln. Das zumindest hat mir der freundliche vierte Mitarbeiter heute am Kundentelefon versichert auf meine Nachfrage, wie wir denn weiter vorgehen, wenn das Einschreiben nicht mehr auftaucht.

Ach ja, das Kundentelefon des weltweit führenden Post- und Logistikkonzerns ist sehr zu empfehlen. Drei von vier Mitarbeitern waren freundlich, und es kostet nur 6 Cent. Der ganze Anruf, wohlgemerkt. Und eine Vorabentschädigung habe ich auch schon erhalten von der Deutschen Post: dem einen Schreiben war ein 5er-Briefchen mit Briefmarken beigelegt. Das können wir ja dann gegenrechnen.

26
Nov
09

Flüstern im Dunkeln…

…oder „Schweinsfüße sind aus“. Ich brauche Eure Hilfe…

Der geliebte Mann hat uns zum Thema „There’s no business like show business“ Ginger e Fred gezeigt, einen der letzten Filme von Fellini mit seiner Ehefrau Guiletta Masina und Marcello Mastroianni. Aus dieser Satire über ein gealtertes Tänzerpaar, deren Integrität umso deutlicher wirkt vor dem absurden Hintergrund einer immer weniger Sinn aufweisenden Fernsehunterhaltung, hätte man alle möglichen Vorgaben ziehen können, und wenn ich auch zugeben muss, dass das „Flüstern im Dunkeln“ eine der Schlüsselszenen im Film darstellt, so ist das Motiv „Schweinsfüße sind aus“ wenig nachvollziehbar und wurde deshalb von mir abgelehnt – für dieses bisher nicht dagewesene Vorgehen erhielt ich Gott sei Dank die Rückendeckung des guten Freundes.

So bleibt es also beim Flüstern. So richtig mag mir nichts einfallen, zumal das Genre der Horror- und Gruselfilme für mich ausfällt – ich mache bereits bei Dracula den Fernseher aus.

20
Nov
09

Aufholjagd

Durch viele Abwesenheiten und einiges organisatorisches Kuddelmuddel bin ich wieder einmal ein wenig spät dran mit der filmabendlichen Berichterstattung und dem damit verbundenen Einholen neuer Ideen. „Dem Himmel so nah“ gekommen sind wir mit dem schwedischen Film Wie im Himmel. Das Gegrummel am Ende, aus dem sich eventuell Worte wie „auf der kitschigen Seite“ oder „ganz schön sentimental“ heraushören ließen, führe ich darauf zurück, dass von den anwesenden Herren möglichst unauffällig weggewischte Tränen ja nun auch kompensiert werden wollen…

Es ergab sich folgerichtig aus dem Hauptmotiv und vielen Nebenmotiven des Films die Vorgabe „Die Macht des Liedes“ fürs nächste Mal, welche brilliant und hundertprozent stimmig durch eine meiner geliebten britischen Produktionen erfüllt wurde, nämlich mit Little Voice mit einer wunderbar ordinären Brenda Blethyn, die nur im englischen Original funktioniert (das in Verbindung mit englischen Untertiteln auch verständlich wird).

Da bin ich ja gespannt, ob das nächste Woche wieder so gut funktioniert, wenn „There is no business like show business“ einen cineastischen Ausdruck finden soll. Vielleicht darf ich doch endlich, endlich Cabaret sehen?

21
Okt
09

Dem Himmel so nah

Gezeigt wurde zu „Which side are you on“ gestern abend Local Hero, ich glaube ein sehr schöner Film, dem ich aber mit keiner Beschreibung gerecht werden kann, da ich Teile davon – schlichtweg verschlafen habe. Das ist keineswegs mit dem Film an sich zu begründen, sondern liegt an der momentanen Ablehnung, die die kleine Tochter zur Zeit dem Thema Schlaf, auch zu unsinnigsten Zeiten wie morgens um halb fünf, entgegen bringt.

Ich werde ihn mir also irgendwann nochmal ansehen müssen. Mein Empfinden, dass der Zusammenhang mit dem Motto nicht stark ausgeprägt war, wurde mir dennoch vom aussuchenden geliebten Mann im Nachhinein bestätigt. Aber irgendwie kann man ja immer auf der ein oder anderen Seite stehen…Jedenfalls ist meine Aufgabe für das nächste Mal „Dem Himmel so nah“. Ich freue mich auf Hinweise, Ratschläge und gute Worte.

18
Okt
09

Überraschung!

Heute bei der Agentur für Arbeit: ein kurzes, freundliches Abklären der Sachlage am „Empfang“, dann in den dritten Stock: im Wartebereich nicht mal lange genug gesessen, um das Eingangsformular auszufüllen, bevor der eigene Name ertönt. Alles geht zügig, freundlich, kompetent und klar strukturiert, obwohl die mitgebrachten Unterlagen nicht 100% den Anforderungen entsprechen. Was fehlt, kann ich per Email nachschicken.

Mir ist schon klar, das war das erste Mal und nur die vorbereitenden Gespräche. Aber – ich hatte dies nicht erwartet. Nicht angesichts dessen, was ich sonst von Berliner Behörden kenne und nicht von dem, was ich bisher über diese Behörde gehört habe. Ich bin nicht zum Lesen gekommen (verflixt!), bin nicht herablassend behandelt worden und saß keiner überforderten, missmutigen Harpie gegenüber. Mag es tatsächlich so sein, dass die ans karikaturhafte grenzende Darstellung und Wahrnehmung in der gesellschaftlichen Kommunikation nicht nur das Bild der Arbeitssuchenden, sondern auch das der Vermittelnden verzerrt?

15
Okt
09

Which side are you on?

Nach köstlichen Blätterteigtaschen mit Mangold-Schafskäsefüllung und Salat von gelben Bohnen, Zwiebelkuchen mit und ohne Speck, einem HimbeerFool und Espresso war es fast zu schwere Kost:

Europa von Lars von Trier. Trotz so vieler guter Tipps zum Thema „Film fiktiert Geschichte“ – besser hätte der Freund das Motto nicht treffen können. Ein verstörender, kontroverser (hey, Lars von Trier!), beunruhigender Film, der keine Identifikation zulässt, der Fragen stellt zum Ausgeliefertsein des Individuums an Machtstrukturen, Fragen zu Gut und Böse, zu Deutschen und Amerikanern, und dazu, ob man sich entscheiden muss. Er liefert keine einzige Antwort.

Lars von Trier schert sich nicht um historische Fakten und muss das auch nicht, weil er kein Geschichtsbuch verfilmt, sondern das Warum und Wie damals und immerwährend beleuchtet ohne ein erlösendes Ergebnis.

Der junge Deutsch-Amerikaner, der dem geschundenen Kriegsverlierer und Massenmörder Deutschland ein klein wenig Freundlichkeit entgegenbringen möchte, kann sich nicht entscheiden für eine der beiden korrupten und brutalen Seiten, und reisst so alle ins Verderben. Deshalb zu Recht die Frage fürs nächste Mal: „Which side are you on?“
P.S.: In der nachfolgend ausbrechenden Diskussion wurden bereits verschiedene Vorschläge ins Spiel gebracht. Kohlhiesels Töchter wurde bereits abgelehnt…

07
Okt
09

Das Ende der Kindheit?

Gestern abend bei 37°: Das Jahr der Entscheidung. Kinder in der 4. Klasse. 4 bayrische Kinder begleitete die Kamera im alles entscheidenden 4. Grundschuljahr. Der Druck, der auf den Kindern lastet, denn hier entscheidet sich die Zukunft, ist beim Zuschauen fast nicht zu ertragen. Es hängt so viel von ihrer in Noten bemessenen Leistung in diesem einen Jahr ab, allzumal im rigiden bayrischen System, das später kaum noch Durchlässigkeit nach oben aufweist – einmal Hauptschule, immer Hauptschule.

Der Druck, den sie untereinander aufbauen: denn “ dann muss ich auf eine schlechtere Schule gehen“ und der von den Eltern ausgeht. Hilflose Eltern, die für ihr Kind das Beste wollen – vom Unterbewusstsein unterstützenden Yoga bis zu strengsten Lernzeitplänen. Auch sie sind dem System verhaftet, es ist sehr schwer, sich davon unabhängig zu machen. Bei mir kommt große Erleichterung auf, dass meine Tochter im zwar armen, aber bildungspolitisch experimentierfreudigeren Berlin aufwächst.

Es fällt auf: wieso geht keine Forderung an Schulen, Lehrpersonal, Universitäten, Schule so zu gestalten, dass die Kinder freiwillig lernen. Dass es keine Qual für sie ist, sich das Wissen anzueignen, sondern Freude? Wieso besteht der Probeunterricht an den Gymnasien aus 3-tögigen Testaneinanderreihungen, statt sich die Kinder anzusehen und vor allem anzuhören, um herauszufinden, können sie eigenständig denken, sind sie interessiert an Inhalten, verstehen sie Zusammenhänge und nicht nur, wie sie im Prüfungsfall bestehen?

Sind Noten tatsächlich einer differenzierten Bewertung vorzuziehen? Wie können 10-jährige Kinder so endgültig in Schubladen der intellektuellen Fähigkeiten gesteckt werden? Welchen Sinn macht die Dreiteilung des Schulsystems? Welchen eine nur 4-jährige Grundschule? Und warum, verflixt nochmal, ändert sich hier nichts trotz Pisa und akutem Fachpersonalmangel? Und trotz ausreichender wissenschaftlicher Grundlagen in der Pädagogik und deren Umsetzung in fortschrittlich orientierten Kreisen und Ländern?

Man hat das Gefühl, hier helfen keine kleinen Reförmchen mehr, hier braucht es eine Revolution.

07
Okt
09

Vinho Verde reist nicht gut

Die Überlegungen zu Wein im irischen Pub haben mich darauf gebracht: warum gibt es immer wieder Ess- und Trinkbares, das nur in seinem Herkunftsland richtig gut schmeckt? Bei Meeresgetier und Mango ist dies leicht mit dem Frischeargument zu erklären. Aber was ist mit Guinness? Warum erscheint das samtschwarze Gesöff mit der Haube aus cremigem Schaum im Pub in Dublin wie von einem keltischen Gott den Menschen als Geschenk dargebrachte Verführung und im Fiddler’s Green um die Ecke nur als müder Abklatsch mit deutlicher Karamalznote?

Was mir da an Erklärungen schon alles unter kam: es liegt am Gas, mit dem das Bier gezapft oder vom Keller hochgepumpt wird (wird Bier gemeinhin mit Gas gezapft?), welches in Deutschland nicht erlaubt ist, für den Export wird es anders gebraut – auch hier gelegentlich mit der Komponente, dass das Original die strengen Lebensmittelkontrollen in Deutschland nicht besteht. Vielleicht hat es doch einen Grund, dass Barkeeper in Irland ein Ausbildungsberuf ist. Einer der wenigen, dafür dauert die Lehrzeit extra lange. Und dafür gibt es an einer Bar auch nichts Schnelleres, Kompetenteres und Faszinierenderzubeobachtendes als einen irischen Barmann. Vielleicht liegt es dennoch an etwas anderem.

Freunde haben vom mitgebrachten Retsina bei der Rückkehrfeier im griechischen Stil nur heftige Kopfschmerzen davon getragen, keineswegs den Zauber warmer Mittelmeernächte. Meine Mutter mochte Asti nur in Italien. Interessanterweise würde er sie heute auch auf der Terrasse eines kleinen Hotels an der Riviera nicht mehr begeistern. Aber die Änderungen des Volksgeschmacks sind ein anderes Thema. Im eigenen Wohnzimmer mochte sie ihn jedenfalls noch nie.

Wir haben kistenweise Kaffee, Tee, Oliven und einmal sogar Tonic Wasser aus anderen Landen importiert, die Rucksäcke vollgestopft damit, den alten Passat bis zur Beugegrenze beladen. Um die Unbeschwertheit des Reisens wenigstens noch kulinarisch ein wenig zu verlängern. Um den grauen Winter mit ein bisschen Fernweh zu würzen. Doch der Zauber hat nicht mehr gewirkt. Eines der Highlights war ein Oliventopf zur Aufbewahrung der mitgebrachten kleinen Schwarzen aus der Provence. Sie waren nach zweieinhalb Wochen verschimmelt, keine Ahnung, wie man sie haltbar bekommt. Egal, denn hier haben sie gar nicht so gut geschmeckt. Zuhause mag ich gar nicht jeden Tag Oliven essen.

Der Freund, mit dem ich damals unterwegs war, hat letztens seinen Hausrat entmüllt. Als ich zu Besuch kam, stand der Oliventopf auf dem Tisch. Ob ich den mitnehmen möchte, der sei damals bei ihm gelandet, aber Verwendung habe er dafür eigentlich nie gefunden. Ich widerstand meinen Anwandlungen von Nostalgie und Sentimentalität und überließ den Topf einem unbestimmten Schicksal. Möge er jemandem in die Hände fallen, der Oliven auch in den hiesigen Gefilden zu schätzen weiß und überdies ein brauchbares Rezept zur Konservierung hat. Man kann ihn sicher auch mit Gummibärchen füllen.

06
Okt
09

Hommage an Mercedes Sosa

Mercedes Sosa ist gestorben. Mir fehlen die Worte, es ist als ob ein ganz persönliches Zeitalter zu Ende geht. Schade, dass das in den hiesigen Medien nicht viele Worte wert ist, vielleicht habe ich sie aber auch einfach nicht gehört. Mercedes Sosa war mein ganz direkter Zugang zu den politischen Liedern Lateinamerikas, zum Canto Popular. Durch sie kam ich auf Viktor Jara, ohne sie hätte ich Atahualpa Yupanqui nicht gefunden. Ihr Konzert war eines der ganz wenigen überragenden Konzerte in meinem Leben, das ohne sie ein bisschen ärmer gewesen wäre. Ich ziehe den Hut und verbeuge mich bis auf die Erde. Wer mehr über sie wissen mag, dem sei dieser Nachruf empfohlen. Oder einfach ihre Musik.