Archiv der Kategorie 'Uncategorized'

07
Okt
09

Das Ende der Kindheit?

Gestern abend bei 37°: Das Jahr der Entscheidung. Kinder in der 4. Klasse. 4 bayrische Kinder begleitete die Kamera im alles entscheidenden 4. Grundschuljahr. Der Druck, der auf den Kindern lastet, denn hier entscheidet sich die Zukunft, ist beim Zuschauen fast nicht zu ertragen. Es hängt so viel von ihrer in Noten bemessenen Leistung in diesem einen Jahr ab, allzumal im rigiden bayrischen System, das später kaum noch Durchlässigkeit nach oben aufweist – einmal Hauptschule, immer Hauptschule.

Der Druck, den sie untereinander aufbauen: denn “ dann muss ich auf eine schlechtere Schule gehen“ und der von den Eltern ausgeht. Hilflose Eltern, die für ihr Kind das Beste wollen – vom Unterbewusstsein unterstützenden Yoga bis zu strengsten Lernzeitplänen. Auch sie sind dem System verhaftet, es ist sehr schwer, sich davon unabhängig zu machen. Bei mir kommt große Erleichterung auf, dass meine Tochter im zwar armen, aber bildungspolitisch experimentierfreudigeren Berlin aufwächst.

Es fällt auf: wieso geht keine Forderung an Schulen, Lehrpersonal, Universitäten, Schule so zu gestalten, dass die Kinder freiwillig lernen. Dass es keine Qual für sie ist, sich das Wissen anzueignen, sondern Freude? Wieso besteht der Probeunterricht an den Gymnasien aus 3-tögigen Testaneinanderreihungen, statt sich die Kinder anzusehen und vor allem anzuhören, um herauszufinden, können sie eigenständig denken, sind sie interessiert an Inhalten, verstehen sie Zusammenhänge und nicht nur, wie sie im Prüfungsfall bestehen?

Sind Noten tatsächlich einer differenzierten Bewertung vorzuziehen? Wie können 10-jährige Kinder so endgültig in Schubladen der intellektuellen Fähigkeiten gesteckt werden? Welchen Sinn macht die Dreiteilung des Schulsystems? Welchen eine nur 4-jährige Grundschule? Und warum, verflixt nochmal, ändert sich hier nichts trotz Pisa und akutem Fachpersonalmangel? Und trotz ausreichender wissenschaftlicher Grundlagen in der Pädagogik und deren Umsetzung in fortschrittlich orientierten Kreisen und Ländern?

Man hat das Gefühl, hier helfen keine kleinen Reförmchen mehr, hier braucht es eine Revolution.

05
Okt
09

Warum nicht?

Es beschäftigt mich, seit ich davon gehört habe. Und ich kann es mir bis jetzt nicht erklären, warum sich die Welt so darüber echauffiert, dass Roman Polanski zur Verantwortung gezogen werden soll für ein Verbrechen, dass er zugegebenermaßen begangen hat. Ohne Frage stimmt es nachdenklich, dass die Ankläger in den USA über 30 Jahre gebraucht haben, um die Flucht des weltbekannten Regisseurs zu fassen. Auch ist es zulässig zu hinterfragen, warum der oberste Staatsanwalt in Los Angeles ausgerechnet jetzt den Fall wieder aufrollt. Doch das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Wenn Polanski, was er offenbar nie bestritten hat, ein minderjähriges Mädchen mit Alkohol abgefüllt und dann vergewaltigt oder sexuell missbraucht hat, und dieses Verbrechen – wie ich finde, zurecht – nach geltendem Recht nicht verjährt ist, bin ich froh, dass es in dieser Gesellschaft noch jemand kümmert, dass er dafür bisher nicht zur Rechenschaft gezogen wurde. Auf komplette Blödheiten wie Whoopi Goldbergs Annahme, dass es sich sicher nicht um eine Vergewaltigung-Vergewaltigung gehandelt habe, mag ich gar nicht erst eingehen. Oder liege ich komplett falsch?

02
Okt
09

The Lír

Vermutlich habe ich es schon mal erwähnt, dass ich eine besondere Beziehung zu Irland habe. Das sage ich aber nicht oft laut, damit ich nicht zu den Leuten gezählt werde, die kritiklos-verzückt drauflos schwadronieren wenn das Gespräch auf Irland und die Iren kommt. Auf die Offenheit und Freundlichkeit, die einem überall begegnet. Und diese Gastfreundschaft! Soweit ich gehört habe, ist diese ziemlich bald an Grenzen gestoßen als der Keltische Tiger vornehmlich Osteuropäer in großem Ausmaß angezogen hat, die in Irland um Brot und Anstellung nachgesucht haben.

So hatte Joyce dem anitsemitischen Schuldirektor doch fast seherische Worte in den Mund gelegt, als er ihn in Ulysses zu Stephen Daedalus sagen lässt:

-I just wanted to say, he said. Ireland, they say, has the honour of being the only country which never persecuted the jews. Do you know that? No. And do you know why?
He frowned sternly on the bright air.
– Why, sir? Stephen asked, beginning to smile.
– Because she never let them in, Mr Deasy said solemnly.

Außerdem kommen die Busse nicht pünktlich. Vielleicht hat sich auch dies durch den wirtschaftlichen Aufschwung geändert, aber zu der Zeit als ich Dublin kannte, war es keine Seltenheit eine halbe Stunde auf einen Bus zu warten, der dann an einem vorbeifuhr, weil er schon mit den Wartenden der vorhergehenden Haltestellen überfüllt war.

Es regnet viel dort. Einen Nieselregen, der auch das sonnigste Gemüt irgendwann knackt und Rheuma, Stirhöhlenvereiterung und Hexenschuß wenn schon nicht verursacht, dann mindestens befördert. Wenn ich so weitermache, gehöre ich gleich zur anderen Spezies, nämlich derer, die – nicht exklusiv in Irland, aber auch – alles schlechter finden als zu Hause.

Unvergessen zwei deutsche Komilitonen, die nicht mal was miteinander zu tun hatten: „igitt, hier trinken ja auch die Frauen Bier aus großen Gläsern“ (??!*:;ÖLHZI BFTDF?) und „Bushmills trinke ich nicht, der kommt aus Nordirland. Das kann ich nicht unterstützen.“ Da hat sich jemand in seiner Betroffenheit besonders viel überlegt…Ein irischer Freund hat mir gesagt, er sieht keine Unterschiede zwischen Deutschen und Amerikanern, beide sind ständig in der Welt unterwegs, um allen Leuten in der Fremde klarzumachen, um wieviel besser alles doch bei ihnen zu Hause sei.

Am schlimmsten ist dann noch die Kombination aus beidem, oft Auswanderer, die mit ihren märchenhaften Vorstellungen der ewigen Freundlichkeit und Gastfreundschaft ins gelobte Land gezogen sind, um festzustellen, Realität geht anders, und dies nicht ihren verschobenen und unsinnigen Erwartungen ankreiden, sondern dem Land und seinen Bewohnern.

Dieser besonderen Liebe der Deutschen zu Irland ist jedenfalls vermutlich die Dichte an Irish Pubs in unserem Land geschuldet. Keine Kleinstadt, die auf sich hält ohne Murphys, Shamrock Irish Pub, Fiddler’s Green oder ein Molly Malone’s Viele sind nichts Besonderes, gelegentlich ist ein gute Kneipe darunter, wie in Irland ist keine davon. Aber Authenzität ist sowieso ein oft überschätztes Prinzip.

Einer der besten ist das Lír in der Flensburger Straße. Als Rettung nach einer hippen und überteuerten Strandbar angesteuert, hatte der Biergarten – den es in Irland so gut wie gar nicht gibt, macht ja auch kein Sinn bei dem Wetter – auch nach 22:00 noch geöffnet, obwohl er in einer Wohnstraße liegt. Die Atmosphäre war entspannt und freundlich. Es gibt ordentlichen Wein, was von einem Irish Pub nicht selbstverständlich erwartet werden kann und das Essen ist sehr in Ordnung. Soweit ich weiß, gibt es keine Konzerte.

Es ist ein Ort zum Einkehren und Wohlfühlen. Gastfreundlich im wörtlichen Sinn. Insofern ist es ja vielleicht doch ein kleines Stück von meinem Irland…

21
Sep
09

Routenänderung

Die Tagesmutter hat den Standort gewechselt. Für mich bedeutet dies: ich muss einen zweimal am Tag zurückzulegenden, liebgewonnenen Weg ändern. Ohje. Am Anfang läuft es nicht rund. Ich bin zuerst falsch abgebogen, musste einen Teil wieder zurückfahren. Ich kenne die idealen Straßenüberquerungspunkte nicht, muss absteigen, weil der Bordstein zu hoch zum Drüberfahren ist. Komme an der falschen Straßenseite raus.

Ein bisschen fühle ich mich wie eine Ameise, der man ihre Straße genommen hat. Jedenfalls denke ich, dass sich eine Ameise dann so fühlt. Ein bisschen aus der Bahn geworfen. Ich muss mich jetzt konzentrieren auf den Weg. Irgendwann, in ein paar Wochen, werde ich ihn optimiert haben. Zwischendrin werde ich in Gedanken versunken auch mal vor der falschen Türe stehen. Oder kurz davor. Vielleicht wird mir der Weg nur optimal vorkommen. Manchmal hilft erst ein Blick auf den Stadtplan oder ins Internet um erkennen zu lassen, dass der gefühlt kürzeste Weg nur Einbildung und dem fehleranfälligen Orientierungsvermögen geschuldet war.

Von hier bis zur Tagesmutter werde ich nicht in den Stadtplan gucken, das finde ich allein heraus. Wenn nicht, ist auch egal. Und ein bisschen Abenteuer ist es ja auch, so ein neuer Weg.

03
Sep
09

Grenzüberschreitung

Der gute Freund hat es sich nicht leicht gemacht mit der „Heimat“. Herausgekommen ist ein sehr schöner, sehr ungewöhnlicher Film. Endlich mal eine Doku, das hatten wir bisher nicht am Dienstag abend: „Schlesiens Wilder Westen“ von Ute Badura. Ausgehend von den Menschen, die es angeht, ungewohnte Perspektiven auf einen so idyllisch anmutenden, mit so viel heimatlichen Emotionen besetzten Ort, nicht entblößend, nicht beschönigend.

Und was mir am meisten gefallen hat: kein Kommentar, der mir ein Urteil vorgibt, der mir erzählt, was die Bilder nicht zu erzählen vermögen. Ganz große Klasse und das Thema komplett nicht verfehlt. Mal sehen, ob dies nächste Woche genauso gut gelingt, wenn es um „Grenzüberschreitungen“ gehen soll.

02
Jun
09

Aufholjagd

Jetzt hatte ich mir doch so fest vorgenommen, wenigstens die Dienstag abendliche Serie regelmäßig fortzusetzen und was muss ich feststellen? Ein paar Wochen echte Arbeit und ich bin drei Filme ins Hintertreffen geraten. Ich kann mich nur noch so gerade erinnern.

Der Klassenkampf wurde uns dann tatsächlich klassisch nahe gebracht, wir sahen Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt? – ich auch wirklich zum ersten Mal.

Fasziniert hat mich bei der stramm kommunistischen Abrechnung mit der Weimarer Republik die Nähe zur künstlerischen Avantgarde der frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, zu den Kunstformen des Agitprop. Neben aller Polemik – am Drehbuch schrieb Brecht mit, die Musik stammt von Hanns Eisler – wird die Geschichte der verarmenden Arbeiterfamilie, die ihre Wohnung verliert und deshalb in die Zeltkolonie „Kuhle Wampe“ am Müggelsee zieht, in der Sprache und der Ästhetik des neuen Mediums Film erzählt.

Ich fand auch Brechts Episches Theater, aber vielleicht war die eher hölzerne Darstellung doch anderen Gründen geschuldet.

Ich ging mit der Aufgabe „Zwischen den Kriegen“ in die darauffolgende Woche, wollte nicht so plump sein, und einfach „Cabaret“ zeigen, habe mir den Kopf zerbrochen und den Herren dann Michael Collins von einem meiner Lieblingsregisseure, Neil Jordan, vorgespielt.

Ein Spielfilm, in dem die sicher sehr subjektive Überzeugung zum Ausdruck kommt, dass der Freiheitskämpfer Michael Collins vom späteren ersten irischen Taoiseach und damaligen Kampfgenossen Eamon de Valera verheizt wurde, indem er in aussichtslose Verhandlungen mit den Briten geschickt wurde, aus denen er mit dem „Treaty“ zurückkam. Jener Vertrag, der die Teilung Irlands begründet und vom Unabhängigkeitskampf direkt in den Bürgerkrieg mündete.

Auf die zwei sich bekämpfenden Gruppierungen berufen sich auch die heutigen zwei großen Volksparteien Irlands, deren programmatische Unterscheidung einer Außenstehenden weder vergönnt war noch ihr von irischen Insidern überzeugend vermittelt werden konnte.

Doch zurück zum Film: leider habe ich wieder nicht den erlesenen Filmgeschmack meiner Mitseher ganz treffen können. Der Film war bei seinem Erscheinen 1996 in Deutschland einigermaßen gefloppt oder doch sehr umstritten. Jordan war historische Manipulation vorgeworfen worden – ein Vorwurf, den ich interessant, aber relativ haltlos finde, da es sich um einen Spielfilm und nicht um eine Dokumentation handelt. Manipuliert wird mit beidem, während die Fiktion wenigstens ehrlich Einfluss ausübt, da sie nicht vorgibt, mehr als Interpretation zu sein.

Und ganz persönlich: Den Mann, der ursächlich mit für die strenge Verbandelung der katholischen Kirche mit dem irischen Staat verantwortlich ist und der der Legende nach zur Nachricht vom Tode Hitlers ein Beileidstelegramm nach Deutschland geschickt hat, ein wenig negativ zu zeichnen, kann mich nicht wirklich bestürzen. Und einen zerissenen, aber im Herzen guten Liam Neeson als tragischen Helden sehe ich mir zudem gerne an. Doch das mag Geschmackssache sein.

Ich habe dem guten Freund „Historischen Mythos“ mit auf den gedanklichen Weg gegeben, was ihn in ziemlich verschlungen-brillianter Weise zu 1984 geführt hat. Den Metamythos sozusagen. Oder so. Kalt, am Ende perspektivlos, die Romanvorlage von George Orwell akkurat umgesetzt. Der letzte Film mit einem umwerfend zynischen Richard Burton. Fast zynisch angesichts der Depression dieses cineastischen Werkes ist auch die Vorgabe fürs nächste Mal: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Dies lässt mich befürchten, dass wir wieder keinen echten Schenkelklopfer zu sehen bekommen.

08
Aug
08

Merhaba Discount Ali Kamburoglu

Ali hat Urlaub. Schon fast zwei Wochen. Das sei ihm gegönnt, aber nun wird es Zeit, dass er wiederkommt: ich weiß nicht, wo ich meine Pfirsiche, die Himbeeren, Minze und einiges andere herbekommen soll.

Eigentlich kann ich es nicht leiden, wenn Dienstleister nichtdeutscher Herkunft mit größter Selbstverständlichkeit nur mit dem Vornamen betitelt werden. Es geht ja nicht um Heinzis Eckkneipe oder Cindy`s Nagelstudio. Ich gehe hier zum Bäcker und zu Penny, nicht zur Annegret und zum Rolf.

Aber ich gehe zu Ali. Erstens weil ich ihn so kennengelernt habe. Und zweitens hat er mich sofort geduzt. Dann geht das so wohl schon in Ordnung. Aber zurück zum Ausgangsproblem.

Ich habe im nächsten Umkreis keine andere verlässliche Quelle für gutes Obst und Gemüse, teilweise in Bioqualität. Und sollte der Bestand am Samstag mittag oder Montag morgen etwas ausgedünnt und die Beeren eher auf der matschigen Seite sein, dann verlangt Ali auch nur noch das, was sie wert sind.

Wo bekomme ich in Laufnähe Fladenbrot, Hummus, selbstgemachte Salate und Pasten, Schafskäse und Halloumi? Wenn ich schon da bin, nehme ich auch mal eine Dose Tomaten mit, oder Tee. Oder Couscous, Kichererbsen, Senf, Joghurt, Milch. Erstaunlich, was in so einen kleinen Laden alles reinpasst.

Beim Hereinkommen fragt Ali, wie es geht und meine kleine Tochter fängt an zu strahlen und mit den Armen zu rudern. Ich gebe zu, man kriegt mich leichter, wenn man gut mit meinen Kindern umgeht. “Ah, die kleine Schwester! Wie geht es Dir heute?” Auf jeden Fall besser, wenn sein Urlaub zu Ende ist.

Gut, dass er mal weg war. Da lerne ich zu schätzen, was ich an ihm habe.