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Muttersprache

Ich spreche nicht mehr in meinem angestammten Dialekt. Man hört deutlich, aus welcher Ecke des Landes ich komme, aber im Großen und Ganzen geht es um Aussprache und Satzmelodie, nur in seltenen Fällen um Struktur oder Bedeutung. Ich sage “Wägen”, nicht “Wagen”, wenn es um mehr als einen geht, aber laut Duden ist das sogar erlaubt. Zumindest Süddeutschen.

Ich habe den Dialekt nie so stark gesprochen wie meine Eltern, vor allem mein Vater, den ja manchmal auch seine große Enkeltochter nicht verstand. Von beiden kenne ich noch Worte, die ich verstehe, aber nie aktiv verwendet habe, manchmal erinnert sich meine Mutter noch heute an Begriffe oder Formulierungen, die ich noch nie gehört habe, was dann bedeutet, sie kennt sie, hat sie aber wohl auch kaum jemals benutzt.

Und dann gibt es nicht nur Worte, auch grammatikalische Konstrukte, da muss ich mich bis heute sehr konzentrieren, um sie richtig, will sagen: hochdeutsch, hinzubekommen. Während ich nie mehr von ‘dem’ Butter rede, stutze ich bis heute manchmal, ob mein Nebenan nun das oder den Teller aus dem Schrank holen soll und ich bitte darum, den Radio anzumachen. Auch das Cola geht mir leichter von den Lippen. Dies alles ruft Belustigung bei meiner Umwelt hervor, bei den dialektfreien Kindern auch mal ein Stirnrunzeln, denn das Zurückfallen ihrer Mutter ins heimische Idiom schätzen sie auch bei Besuchen im Süden nicht sehr. Oder wie es die kleine Tochter letzthin formulierte: “Dann sprichst Du wieder Dein dahergelaufenes Augsburgerisch.”

Richtig schwierig wird es aber erst, wenn mir nur mehr das bayrisch-schwäbische Wort einfällt, zum Beispiel beim Wargelholz und beim Spelter. Dann wissen die Herrschaften plötzlich nicht mehr, von was ich spreche. Wobei ich finde, sie stellen sich ganz schön an, selbst wenn sie den Kontext vor Augen haben.

Rhabarberstrudel

Strudel mag ich gerne. Fast egal, mit was drin. Süß oder salzig. Und Rhabarber mag ich auch, seine Säure im Gegensatz zu was ganz Süßem, zum Beispiel mit süßem Baiser. Aber das hatten wir schon.

Was wir noch nicht hatten, war der Rhabarberstrudel aus Österreich vegetarisch. Also wir hier hatten ihn letztes Jahr schon mal, aber Sie hatten hier noch nichts darüber gelesen. Dabei ist der toll. Vor allem, wenn man zwecks der Süße am Ende noch mal Puderzucker drüber gibt. Ansonsten begeistert mich der Gegensatz zwischen dem dünnen knusprigen Strudelteig und dem weichen, ein bisschen schmelzigen Rührteig. Jaha. Strudelteig und Rührteig. Sind Sie interessiert?

Also, dann machen Sie mal zuerst den Strudelteig aus 200g glattem Mehl (laut Frau Seiser am besten 480, ich hatte nur 550 da), einer Prise Salz, 100g lauwarmem Wasser und 40g Pflanzenöl. Verkneten, Kugel formen, leicht mit Öl bestreichen und bei Zimmertemperatur 1 Stunde ruhen lassen.

Für den Rührteig 110g weiche Butter mit 100g Puderzucker und 1 Essl. Vanillezucker schaumig schlagen, zusammen mit einer Prise Salz und der Schale einer halben Zitrone. Dazu kommen die Dotter von drei Eiern, aus deren Eiweiß Sie mit 1 Essl. Kristallzucker schönen luftigen Schnee geschlagen haben, der fast am Schluss untergehoben wird, aber noch vor den 110g Mehl, die sind das Letzte.

Ich persönlich habe kein Strudeltuch, könnte aber bei meiner Freude am Strudel mal herausfinden, was das ist und mir dann eines zulegen. Ich habe ein Küchentuch genommen, bemehlt und darauf den Teig ausgewargelt, wie es in den süddeutschen Küchen heißt, in denen ich groß geworden bin. Mit dem Wargelholz nämlich. Kein Unterschied zum Nudelholz, falls das besser verstanden wird. Also, jedenfalls wird der Teig dünn ausgewargelt und dann über den Handrücken so dünn ausgezogen, dass man dadurch die Zeitung lesen kann.

Diese Aufgabe gefällt mir am wenigsten am Strudelmachen. Ja, der Teig reißt leicht. Ja, es kann passieren, dass Sie ihn wieder zusammenmantschen müssen und von vorne anfangen mit dem Auswargeln. Das geht auf dem Küchentuch auch nur so bedingt prima, zumal Sie ja ein einigermaßen gleichmäßiges Rechteck haben wollen. Schustern Sie es irgendwie zusammen. Wenn das mit dem Handrücken nicht so gut geht, entwickeln Sie ruhig eine eigene Technik, wenden Sie Tricks an, suchen Sie nach YouTube-Videos. Das wird schon irgendwie. Mein erster Apfelstrudel mit 12 Jahren war ein Batzen Teig mit Apfelstücken, Nüssen und Rosinen irgendwie reingewurstelt. Seither geht es stetig bergauf.

Das wie auch immer entstandene hauchdünne Rechteck teilen Sie in zwei Hälften. Ich habe gleich den Teig in zwei Hälften geteilt und zwei separate Rechtecke gestaltet – das schien mir erfolgversprechender. Die Rechtecke werden nun mit einer Mischung aus zerlassener Butter (3 Essl.) und Ei beträufelt, aber lassen Sie noch was davon über. Darauf wird je die Hälfte des Rührteigs gestrichen – und ja, der rutscht weg, auf der Butter-Ei-Mischung, also Geduld – und darauf kommen die auf die Länge des Strudels zugeschnittenen und geschälten Stangen Rhabarber (insgesamt ca. 500g). Ja, roh. Dann wickelt man das ganze mit Hilfe des Tuchs auf, pinselt den Rest Butter-Ei, darüber und schiebt es auf dem mit Backpapier ausgelegten Blech in den bereits am Anfang der Prozedur auf 180° aufgeheizten Ofen. Bis er schön appetitlich gebräunt ist, so ungefähr 35 Minuten dauert das.

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Wenn Sie Glück haben, sieht er zum Wasserimmundzusammenlaufen und Anbeißen aus, wie auf dem Foto im Buch. Am besten noch schön dekoriert mit gehackten Pistazien, Zitronenmelisse und marinierten (in was halt gut passt und schmeckt) Erdbeeren. Dazu gibt es Vanillesauce, Kanarimilch (dünnere Vanillesauce) oder Himbeersauce.

Manchmal sieht er nicht ganz so gut aus. Und das liegt nicht nur am Foto. Aus eigener Erfahrung kann ich aber sagen: schmecken tut er trotzdem. Vergessen Sie aber den Puderzucker nicht.

20150519_200659Nachtrag: Weil es mir so im Kopf herumschwirrte: die Typisierung des Mehls ist in Österreich eine andere als in Deutschland. 480 dort entspricht dem 405 hier. Meines war trotzdem ein anderes, vielleicht lag es daran, dass der Strudel auseinandergefallen ist.

Definitiv macht Bruno Antony Guy Haines in Strangers on a Train ein unmoralisches Angebot. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich über den Film vom Dienstag nachdenke – das Wort “Creepy” ist das einzig passende. Ein großartiger, spannungsgeladener Hitchcock auf der Grundlage eines Romans von Patricia Highsmith, über den laut geliebtem Mann die Rede geht, dass die Zusammenarbeit zwischen Regisseur und dem ursprünglich allein fürs Drehbuch verantwortlich zeichnenden Raymond Chandler keine fruchtbare war: Hitchcock sagte wohl später über Chandler, dass es nun mal besser sei, wenn der Schuster bei seinen Leisten bliebe.

Es ist ja nun kein Geheimnis, dass Romanschreiben und Drehbuchschreiben zwei verschiedene Paar Schuh sind (um im Bildthema zu bleiben…), und daher Talent und Können im einen keineswegs dasselbe im anderen garantieren. Aber vielleicht lag es doch auch daran, dass Chandler bei einem der Treffen aus dem Fenster geguckt haben und bei Hitchcocks Ankunft laut gerufen haben soll: “Oh, schaut, der dicke Mann versucht, aus dem Auto auszusteigen.” Wie dem auch sei, das Zerwürfnis zwischen den beiden war ein lebenslanges, das Drehbuch wurde von Czenzi Ormonde nach Hitchcocks Wünschen mindestens umgearbeitet, aber Chandler bleibt designierter Mitautor in den Credits.

Was den Film angeht, ist es mir piepegal, wer nun das Drehbuch geschrieben hat, er rangiert definitiv unter ‘Sehenswert’ und das nicht nur wegen der atemberaubenden Karussell-Szene.

Zu essen gab es Salat als Vorspeise und Rhabarberstrudel aus Österreich vegetarisch. Köstlich. Rezept folgt bald.

Vergessen…

… habe ich, das nächste Motto anzugeben: Ab heute sehen wir drei Filme zum Thema “Ein unmoralisches Angebot”. Heute ist der Mann dran. Ich erst in zwei Wochen, deshalb: her mit Ihren guten Tipps! Was ich nicht zeigen werde, ist der Film gleichen Namens. Den habe ich damals im Kino gesehen. Wegen Robert Redford. Meine Erinnerung: totaler Quatsch, nicht zuletzt weil ich damals dachte, keine Frau könne jemals einen guten Grund dafür haben, das Angebot, mit Robert Redford eine Nacht zu verbringen, als unmoralisch anzusehen. Obwohl ich ihn damals schon ganz schön alt fand. Aber hey, immer noch Robert Redford.

Vielleicht sehe ich das heute anders. Der Film ist, glaube ich, so oder so großer Schrott. Deshalb werde ich es nicht herausfinden.

Zur Brotzeit

Aus “Österreich vegetarisch” hat sich ganz schnell ein neues kleines Standardgericht in unseren Speiseplan geschlichen, das verblüffend einfach ist, auf das ich aber nie gekommen wäre und das mir trotz österreichischer Verwandtschaft bis dato nie begegnet ist: Der Erdäpfelkas (also Kartoffelkäse).

Da er auch beim Geburtstagsbüffet einiges an Lob geerntet hat, vor allem auch solcherart, wie es wegen hoher Ansprüche nicht oft vergeben wird, und bei einem nachfolgenden Fest die mitgebrachte Schüssel in Nullkommanichts leer war, möchte ich das Rezept meinem Bloglesepublikum nicht vorenthalten. Zumal – und das freut mich ganz besonders an diesem Essen – damit die übrig gebliebenen gekochten Pellkartoffeln höchst ansprechend verwertet werden können, auch von so einem Bratkartoffeldeppen wie mir.

Also reibt man 500 g gekochte abgekühlte Kartoffeln, vermengt sie mit 250 g Sauerrahm und 125 g cremigem Frischkäse (oder was der Kühlschrank so an ähnlichen Milchprodukten hergibt; das kann bei mir auch mal nur eine Sorte sein, Creme Fraiche, Schmand, ich habe auch schon mit mittelfettem Quark gestreckt,…), 1 kleine feingehackte Zwiebel oder 2 Frühlingszwiebeln, auch gehackt, Salz, Pfeffer, eine Prise (Vorsicht damit) gemahlener (gern frisch gemahlener) Kümmel, evtl. eine kleine Knoblauchzehe (mache ich nicht, weil sie beim ersten Mal zu intensiv herausgeschmeckt hat), 1 Essl. gehackte Petersilie, evtl. 1 TL gehackter, frischer Majoran. Letzteres habe ich nicht, ich habe an Kräutern Petersilie, Kerbel und – wenig – Liebstöckel genommen. Und wenn Sie mögen, streuen Sie obendrauf noch eine kleine Handvoll geriebener Kartoffeln und toppen mit ein paar Kümmelkörnern und krausen Petersilie-Blättern. Fürs Auge.

Und dann ein gutes Lieblingsbrot dazu – meine Güte, ich sag’s Ihnen.

Berliner Balkon

Ohne Netz und doppelten Boden.

Im Rückblick sage ich: er hätte nicht nicht gezeigt werden können. Nicht nicht zu diesem Thema. Und deshalb bin ich sehr froh, dass der Mann Das Fest von Thomas Vinterberg gezeigt hat. Auch deshalb, weil ich diesen Film unter “Sollte man auf jeden Fall gesehen haben” einordnen würde. Nicht nur, weil es der erste “Dogma”-Film ist und obwohl die Geschichte um einen 60. Geburtstag und den dabei aufkommenden Eklat ziemlich verstört, zumindest mich verstört hat.

Es geht um Familie, aber nicht nur, es geht um Solidarität und Mangel an Vertrauen, um Zerbrechen an erfahrenem Leid, um Überleben erfahrenen Leids, tiefe Nähe und abgrundtiefe Zerwürfnisse. Um das Blenden und Vorspielen, um Fassade und (Wein)Kellergewölbe. Und das in einer meisterhaften Darstellung, mit einem “Küchenchor” und immerhin einer Art Happy End im Sinne von: das hätte auch noch schlimmer ausgehen können. Sollten Sie ihn nicht kennen – sehen Sie ihn sich an. Aber nur in Momenten, in denen Sie auch etwas aushalten können.

Zum Essen: den ersten Spargel der Saison mit Frühkartoffeln. Und weil eine Sauce Hollandaise für mich unweigerlich mit Schinken verbunden ist, gab es dazu eine Neuentdeckung aus “Deutschland vegetarisch”: Eier-Frühlingszwiebel-Stippe aus 3 Essl. Weißwein- oder, wie bei mir, Kräuteressig, 100 ml Gemüsebrühe, 1 Essl. Senf, 1 Essl. Honig (bei mir ein bisschen weniger), 120 ml Sonnenblumenöl, 2 hartgekochten und kleingehackten Eiern, 4 Zweigen Estragon, 1 kleinen Bund Pimpinelle (bei mir Kerbel), 2 Frühlingszwiebeln, Salz und Pfeffer. Zuerst die (Zäh-)Flüssigkeiten verrühren, feingehacktes und geschnittenes Grünzeug dazugeben, dann die Eier untermischen. Würzen. Fertig. Sehr, sehr fein und passend.

Und zum Nachtisch Vanilleeis, frische Erdbeeren und leicht gesüßte Sahne. Da braucht es nicht viel mehr. Vielleicht noch einen Ticken süßere Erdbeeren. Aber das Warten fällt halt so schwer.

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