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Eigentlich für Facebook

Eigentlich wollte ich unbedingt erst auf die Kommentare zum letzten Beitrag antworten, warum es bis jetzt nicht passiert ist,  dafür habe ich keine wirkliche Begründung.
Aber nun muss ich loswerden, dass ich mich schäme, dass ich wütend bin, und hilflos.
Nein, wir können sie nicht alle aufnehmen. Aber noch viel mehr als bisher. Und unsere Diplomatie, unseren außenpolitischen Einsatz und unsere diesbezügliche Macht für Konstruktiveres einsetzen als den schmutzigen Deal mit der Türkei. Wir müssen uns nicht so benehmen :🙈🙉🙊. Wir müssen nicht für alles eine Lösung haben, aber wir müssen bereit sein, eine gemeinsame zu finden.  So wie jetzt geht es jedenfalls nicht, Herrgott nochmal.

Feuchter Händedruck

Ich persönlich gebe in meinem Alltag selten die Hand. Es scheint mir eine in dieser Zeit und in meiner Lebenswelt aus der Mode gekommene Begrüßungsgeste zu sein. Das ist anders auf einer formellen und offiziellen Ebene der Begegnung, nichtsdestowenigertrotz ist es für mich keine geläufige oder gern ausgeführte Form der Begrüßung. Ich denke meist einfach nicht darüber nach.

Nun haben muslimische Schüler in der Schweiz einer Lehrerin zum Abschied den Händedruck verweigert – die Schule hat ihnen dies genehmigt (!?) – und nicht nur die Schweiz ist in Aufruhr. Wegen der bewiesenen Respektlosigkeit. Wegen des Affronts gegen die Gleichberechtigung. Wegen der Ablehnung unserer Werte. Weil die ihre Werte jetzt bei uns durchsetzen wollen. Weil und wegen.

Ehrlich gesagt, wer sich persönlich zurückgewiesen oder nicht ernstgenommen fühlt, weil das Gegenüber signalisiert, dass eine hier übliche Geste dort, wo es herkommt, mindestens als merkwürdig gilt und ihm unangenehm ist, und es diese aus dem Grund nicht ausführen möchte, hat ganz schön einen an der Waffel.

Wäre ich in einem fiktiven Land, in dem man zum Gruß die rechte Hand diagonal in den Himmel reckt, dann hülfe auch kein Beteuern, dass dies hier das Zeichen der höchsten Ehrerbietung gegenüber der begrüßten Person darstellt, ich würde mir diese Geste ums Verrecken nicht aneignen.

Dass es muslimische Männer gibt, die mit der Verweigerung, einer Frau die Hand zu geben, auch Verachtung oder mindestens mangelnden Respekt gegenüber Frauen an sich zum Ausdruck bringen – keine Frage. Deutsche, mittel-, süd- und nordeuropäische, asiatische, australische, buddhistische, jüdische, hinduistische, christliche, nord- und südamerikanische Sexisten oder deren Vertreter aus Mormonen, Zeugen Jehovas, der AfD, der Front National, der Internationalen Linken und jeder anderen sozio-politischen, Interessen gelenkten, religiösen, ethnischen, usw., Gruppe finden andere Wege, um dieselbe Verachtung zu zeigen.

Für mich stellt eine solche formalisierte Geste eine Norm, keinen Wert, dar und wenn ich auch nicht will, dass Leute ins Land kommen und ungefragt ihre Normen bei uns durchdrücken – ich glaube nicht wirklich, dass dem Gros derjenigen Muslime in Deutschland, Österreich, der Schweiz und sonstwo, wo der Islam nicht die Mehrheitsreligion ist, die nicht gerne jemandem vom anderen Geschlecht die Hand geben, daran gelegen ist, den Händedruck zwischen Mann und Frau generell für alle abzuschaffen und dies gesetzlich zu verankern.

Ich glaube aber, es ist ihr gutes Recht, tut niemandem weh, und wird die freiheitlich-demokratische Grundordnung dieser Länder – sofern sie denn besteht – nicht untergraben, wenn Menschen für sich in Anspruch nehmen, dieses Ritual der Begrüßung persönlich nicht auszuführen.

Die Diskussion darüber tut not und unserer Gesellschaft gut, aber nur dann, wenn die Argumente der anderen Seite offen angehört und die Bereitschaft besteht, die eigenen kritisch zu hinterfragen. Dann kann es uns alle nur weiterbringen. Was ich dieser Tage aber beobachte, lässt mich befürchten, dass in den gegenwärtigen Debatten über Integration und was damit zusammenhängt, eine solche Bereitschaft zu einer ehrlichen und ernsthaften Auseinandersetzung auf „unserer“ Seite kaum vorhanden ist.

PS: Ausgelöst wurde dieser Blogpost durch die Pro- (siehe oben) und Contra- (exzellent geschrieben) Ausführungen zum Thema in der Süddeutschen Zeitung und die unbändige Lust, beides mit ellenlangen Kommentaren zu bedenken. (http://www.sueddeutsche.de/politik/ihr-forum-ist-ein-aus-religioesen-gruenden-verweigerter-haendedruck-respektlos-1.2938328)

Rückkehrer

Kapitel Eins

„Ja“, meint M., der schon eine Weile hier ist, „wir leben nicht frei in unserem Land. Aber viele leben trotzdem gut, vor allem die Männer. Und nicht jedem liegt das Leben hier: dort hast Du immer jemand um Dich, Du bist quasi nie allein. Hier immer. Das lässt sich oft schwer ertragen. Die Frage ist, warum Du weggehst: weil Du dort nicht mehr sein kannst, oder weil Du denkst, woanders ist es besser. Es werden einige zurückkehren.“

Kapitel Zwei

„Ich möchte zurück“, erklärt der junge Mann, der im Büro steht. „Warum?“ „Ich habe dort, wo ich herkomme, ein Haus, ein Auto, einen kleinen Laden. Ich lebe dort nicht schlecht.“ Naja, denkst Du, dann sehen wir mal zu, wie wir ihm dabei helfen können, auf schnellstem Weg wieder in seine Heimat zu gelangen. Ein paar Stunden später steht er mit einem Wachmann in der Tür, einem Wachmann, der vor längerer Zeit aus demselben Land geflohen ist. „Jetzt erzähl‘ mal, wirklich“, sagt der Wachmann. Und langsam, von Tränen unterbrochen, entsteht die ganz andere Geschichte: von Grausamkeit, Angst und Verfolgung. Von der Familie, der Frau, den Kindern, den Eltern, die jetzt aus der unmittelbaren Gefahrenzone gebracht wurden und in einer Ruine hausen – ohne fließend Wasser, ohne Strom. Wovon sie leben? Wer weiß. Wie lange sie überleben? Kann keiner sagen.
Er hat nichts mehr, der junge Mann, die Idee war, der Kräftigste wagt den langen Weg, um dann die Schwächeren sicher und schnell nachzuholen. Er dreht durch vor Sorge und schnell und sicher geht hier gar nichts. Er will zurück, weil er denkt, ihnen so vielleicht besser beistehen zu können. Oder wenigstens mit ihnen zusammen zu sterben. Auch der Wachmann hat Tränen in den Augen.

Kapitel Drei

Die Sirenen heulen. Der Krankenwagen ist auf dem Weg, jemand hat sich die Hände aufgeschnitten, überall im Bad ist Blut. Er wird mitgenommen, hält es in der Psychiatrie nicht aus und dort auch nicht. Er läuft ihnen weg, kommt zurück, will nirgends richtig bleiben. Was ist los? Worum geht es? Er will zurück in den Krieg, dort ist seine Frau, dort ist seine Familie. Mittendrin.
Er hat nicht viel überlegt, was er sich von der Flucht erhofft. Eigentlich wollte er dort bleiben, aber das ist unmöglich. Hier ist es auch unmöglich, er wird immer wieder behandelt wie Dreck, ohne Respekt, „es gibt keine Ehre“, sagt er: nicht in seinem Land, aber auch nicht beim Anstehen in den Behörden, nicht in der vorherigen Unterkunft, in der keiner ist, den man ansprechen kann, der sich kümmert, in der er von der Security gedemütigt und sogar geschlagen wird. Von Unterstützung ist keine Rede, bei dem, von dem er selbst nicht wirklich weiß, was es ist.
Aber nicht einmal dabei, wieder in der Krieg zurückzukehren, hilft ihm jemand. „Dorthin führen wir niemand zurück, das geht nicht.“ Außerdem haben sie seinen Pass, wer weiß, wo er abgeblieben ist, interessiert auch keinen. Nicht beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, nicht bei der Ausländerbehörde, nirgendwo anders. Keiner ist zuständig und keinen interessiert’s.
Uns schon, mich schon. Ich sichere ihm zu, dass wir ihm helfen, auch wenn es mir das Herz bricht, ihn in den Krieg zurückgehen zu sehen. Ich versuche zu vermitteln, dass er sich nicht verletzen muss, um Unterstützung zu bekommen. Er nickt, lächelt und ich denke, jetzt bekommt er endlich, was er braucht, die Hilfestellung im fremden Land um das, was er entschieden hat, umsetzen zu können, ein normaler, freundlicher Umgang unter Gleichen. Er hat sich bereits ein Flugticket nach Griechenland besorgt, um den umgekehrten Weg zu nehmen. Man hat ihm erzählt, man würde seinesgleichen so gerne schnell wieder loswerden, dass man ihn auch ohne gültige Ausweispapiere ins Flugzeug steigen lässt. Wir sind skeptisch, hoffen eigentlich, dass die Menschenverachtung nicht so weit geht, man wird sehen.
Am darauffolgenden Abend kommen wieder die Sirenen. Er hat sich erneut in die Hände geschnitten, dieses Mal tiefer. So einfach ist es nicht. Nichts ist einfach, gar nichts.

Statt Blumen

Es wäre so schön, wenn Du noch da wärst. Nicht nur ich vermisse Dich.

Dem Tode geweiht…

Was für ein düsteres Thema. Und ja, Schenkelklopfer waren da eher nicht dabei.

Den ungewöhnlichsten Beitrag hat der geliebte Mann gezeigt mit Morituri (ich glaube zum ersten Mal: der IMDB – Eintrag gibt hier nichts her). Es handelt sich nicht um einen in Vergessenheit geratenen Sandalenfilm, sondern um den Beginn einer Aufarbeitung der 1948 gerade vergangenen deutschen Geschichte – ob in Vergessenheit geraten oder einfach nur mir gänzlich unbekannt, weiß ich nicht. Für beides gibt es keinen guten Grund, denn der Film ist nicht allein durch seine Handlung, sondern auch in seiner Machart äußerst sehenswert. Die Idee dazu hatte Artur Brauner, der die Naziherrschaft im Untergrund und durch Flucht überlebt hat, und er hat ihn letztendlich auch produziert – unter widrigen Umständen und ohne finanziellen Erfolg, wie ebenfalls im Wikipedia-Beitrag nachzulesen ist.

Ich habe tatsächlich, wie schon Lakritze angemerkt hat, es als offensichtlich empfunden, zu diesem Motto Dead Man zu zeigen, ein weiterer höchst geschätzter Film eines meiner Helden. Aber ich kann nichts dazu sagen, ich bin kurz nach dem Aufeinandertreffen von William Blake und Nobody eingeschlafen und erst zum Showdown wieder aufgewacht. Das fand ich ausnehmend ärgerlich und ich spiele mit dem Gedanken, den lieben Freund zu fragen, ob er den Film in seiner umfangreichen Filmothek besitzt und mir zum Nachsitzen leiht. Dann könnte ich auch gleich das große Kind dazu verdonnern, den mit mir zu sehen….

Und zu guter Letzt kam auch noch der Film Noir zu seinem Recht, wenn auch nicht in der von Chris Kurbjuhn vorgeschlagenen Form (ist aber vermerkt). Der liebe Freund zeigte Sorry, Wrong Number, eine nervenzerreißende Hinführung auf ein mich für amerikanische Filme und schon gleich gar jener Zeit ungewöhnlich anmutendes Ende, mit einer bemerkenswerten Schauspielleistung von Barbara Stanwyck und einem atemberaubend attraktiven Burt Lancaster. Es wird klar durch diese Worte: vom US-amerikanischen Film Noir der 40er und 50er habe ich keine Ahnung. Ich bin begeistern und jetzt gerne mehr davon!

Das kommende Motto „Der Weg ist das Ziel“ führt tendentiell allerdings eher zu einem anderen Genre, würde ich vermuten.

 

7. März 2016

„Der zweite war jetzt aber auch ein ganz Netter,“ sagt der – zugegebenermaßen auch nette – Fotograf, der im Büro versucht, typische Bilder für die Webseite einzufangen, ein bisschen verwundert. „Das sind hier viele,“ sage ich, „deshalb arbeite ich so gerne hier.“ In der Flüchtlingsnotunterkunft, einer Turnhalle mit 200 Männern aus verschiedenen Teilen der Welt. „Naja, von draußen denken halt viele, die schlagen sich in den Massenunterkünften alle immer nur die Köpfe ein“, sagt er. „Wenn sie 3 bis 4 Monate in diesen Verhältnissen leben müssen, schlagen unter Umständen auch die Netten mal zu.“ „Ja, das muss jeden an seine Grenzen bringen.“

M., dessen Angelegenheit ich mich erst ein, zwei Wochen später angenommen habe, weil sie im täglichen Betrieb hinten runtergerutscht ist, denkt, dass es die Regierung des Landes, aus dem er kommt, einigermaßen mit Befriedigung erfüllt zu erfahren, was die eigenen Leute in der Fremde so an Schlechtem erleben. „But this camp is a good one. It’s not about the papers that is really important, it is how people are dealt with. Friendly, with respect.“ Ich wüsste nicht, mit welcher Begründung wir das anders machen sollten, halte es für selbstverständlich. Er sagt, das ist es nicht.

G. kommt ins Büro, einen handbeschriebenen Zettel in der Hand. Er möchte so gern endlich arbeiten. Als Bäcker, denn das ist „sein Hobby, seine Erfahrung. Es ist, was ich möchte arbeiten, bitte.“ Eigentlich darf er das noch nicht, aber er bewirbt sich und bietet sich zum Probearbeiten an. Damit er gleich loslegen kann, sobald der Status es erlaubt. Es ist fraglich, ob das jemals der Fall sein wird.

Mir gegenüber sitzt L. mit einer Vorladung wegen Dublin III. Er ist vor Jahren vor dem ewigen, noch heute andauernden Krieg aus seiner Heimat geflohen, ist durch Europa gezogen, hat in Italien, England, Norwegen gelebt, mal hier mal dort, meist auf jeden Fall illegal. Legal in Italien. „Documents are not a problem in Italia. But living is. A place to sleep, a job, food. Sleep on the streets. No chance of getting work. This is no life.“ Ich schaue ihn an und weiß, das stimmt. Ich organisiere für ihn eine Beratung, aber Hoffnung habe ich keine. „Is no problem. They’ll send me back to Italia, eh?“ Glücklicherweise ist er schon draußen, als mir die Tränen in die Augen steigen.

Der Deutschlehrer arbeitet auch politisch. Weil er das Gefühl hat, nicht genug zu tun, gibt er mit Kollegen jeden Donnerstag Unterricht in der Unterkunft. Sein Gefühl, nur Tropfen auf heißen Steinen verdampfen zu lassen, teile ich.

Hessen hat gewählt. Zweistellig für die AfD. Mir wird bitterkalt ums Herz.

 

 

Hessen

Ich habe meinem Land nie getraut. Aber ich dachte nicht, dazu so guten Grund zu haben.

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