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Dysfunktionale Familie

Drei Filme zum Thema, das – leicht vorstellbar – filmisch unerschöpflich häufig und vielfältig verarbeitet wurde.
Den Anfang machte der geliebte Mann mit dem belgischen Film Die Beschissenheit der Dinge. Der Name ist Programm: skurril, so schwarz der Humor, dass ich seit langem mal wieder physisch erfahren habe, was es bedeutet, wenn einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Die Frage bleibt: kann man anhand der Art der Filme, die einem als typisch für ein bestimmtes Land, für eine bestimmte Nation, erscheinen, Rückschlüsse auf eine nationale Befindlichkeit ziehen? Und wenn ja, was sagt und das über die Belgier?

Mein Film passte vielleicht am wenigsten zum Motto, hat es aber auch nicht verfehlt und wer definiert schon ‘dysfunktional’? Eine totgeglaubte Mutter, sexueller Missbrauch und die Vertuschung eines Totschlags, wenn auch aus Notwehr, das sind schon Elemente, die ich mit einer gewissen familiären Dysfunktionalität in Verbindung bringen kann, oder? Sie können Volver einfach selbst gucken und mir dann sagen, wie Sie das sehen. LOhnt sich so oder so.

Verstörend war dagegen die Wahl des Freundes, also nicht direkt die Wahl an sich, sondern der gezeigte Film aus Griechenland, Dogtooth (“Kynodontas”) über eine Art Familienexperiment in absoluter Abgeschiedenheit. Es geht um Manipulation, Formung, Gewalt und Kontrolle, um faschistische Strukturen. Und das vielleicht nicht nur im familiären Mikrokosmos. Sehenswert, aber verstörend.

Ab nächster Woche: Filme zum Thema des geliebten Mannes, “Dem Tode geweiht”. Wieder nicht so ein Komödienthema, ich bin Erste. Und ich kenne mich bei Gladiatoren nicht so aus. Kann aber auch was anderes sein. Ideas?

Freude auf 2016

Der Neujahrsabend 2016: Gestern war es Rauch, heute der Nebel. Wie still der Neujahrsabend ist. Hier ist mal noch ein Kracher zu hören, dort klappert ein Rollkoffer übers Pflaster, sonst ist es ruhig auf der Straße. Entweder es ist speziell oder ich bin sonst am Neujahrsabend so wenig unterwegs, wie es die meisten Leute heute wohl sind.

Die guten Wünsche: Ich wünsche Euch und Ihnen, dass es ein gutes 2016 wird, was auch immer das für jede und jeden bedeuten mag. Und ich wünsche uns allen, dass wir es wahrhaben können, wenn es uns gutgeht und dass wir in der Lage sind, nach neuen Wegen zu suchen, wenn nicht. Und – so naiv es auch klingen mag – dass die Welt wieder ein kleines bisschen besser wird als sie mir im letzten Jahr erschienen ist.

Film-Pause

Wie ich schon angesprochen hatte: mein und unser Leben muss sich neu justieren, weil ich neuerdings festangestellt arbeite und das auch noch in einer Art Schichtbetrieb. Darunter leidet auch der Filmabend: Einmal hatten wir Gäste und die Auswahl wurde dadurch bestimmt, dass der Film arabische Untertitel hat. Arabischsprachige Arthaustitel waren dabei nicht gefragt – sie entsprachen nicht dem Geschmack der SciFi-begeisterten Muttersprachler. Über die im DVD-Verleih sehr spontan getroffene Auswahl legen wir den Mantel des Schweigens – auch weil ich vor lauter Belanglosigkeit sowohl Titel als auch Handlung bereits wieder vergessen habe. Das geht besser und daran arbeiten wir noch…

Dann fiel sie zweimal aus, die geliebte Institution, weil Dienstagabend ein beliebter Zeitpunkt für Versammlungen aller Art ist – warum eigentlich? Mittwoch, Donnerstag: was spricht gegen die? -, so eben auch für die Unterstützer*innen-Treffen für meine neue Arbeitsstätte, an denen ich als Ansprechpartnerin auf Seiten der Hauptamtlichen teilgenommen habe.

In den letzten Wochen treibt es mir immer wieder mal Tränen in die Augen. Wegen Geschichten, Situationen, Geschehnissen, die mit der Geschichte von Geflüchteten zu tun haben oder auch mit ihrer Gegenwart. Das wird bereits weniger, das ist auch nicht professionell, aber verhindern lässt es sich weiterhin nicht immer. Die eine oder andere Träne verdrücke ich auch, wenn ich über jene Menschen schreibe, die sich mit vollem Engagement der Unterstützung von geflüchteten Menschen widmen. Die Dienstag abend zu einem solchen Treffen kommen, weil sie “wissen wollen, was sie tun können” genauso wie jene, die das schon wissen und nun die “Neuen” einführen und Strukturen schaffen. Sie alle machen das neben ihrem sonstigen Tagesgeschäft.

Gerührt bin ich, wenn ich darüber sinniere, so wie jetzt. Wenn ich diesen Leuten, die sich im Rahmen von Pankow Hilft zusammengefunden haben, beim Koordinieren, beim Informationen sammeln und zur Verfügung stellen, beim Planen und Organisieren zusehe, bin ich davon weit entfernt. Denn das ist effiziente und pragmatische Arbeit. Strukturiert, durchdacht, kreativ. Zupacken mit einer großen Selbstverständlichkeit und weit entfernt von rührseliger Gefühlsduselei. Und wenn ich mir das so überlege, könnte ich schon wieder heulen, weil es mich geradezu ins Herz trifft, dass es neben allem anderen auch sie gibt.

Und eins noch: über die Prenzlauer Berger lasse ich nichts mehr kommen, echt nicht. Sie mögen veganen Caffe Latte trinken. Aber sie stehen auch bei uns in der Unterkunft und fragen: wo soll ich mit anpacken? Oder gehen mit ihrem Schachbrett rein in die Halle und lassen sich mit einer Runde Männer auf dem Boden nieder zum Spiel. Bringen eine Kiste Clementinen vorbei. Sammeln Geld in der Yogaklasse. Männerschuhe bei allen Nachbarn.

Nächste Woche gibt’s hoffentlich wieder Film. Egal mit welchen Untertiteln.

Neues aus dem Wald

Es gibt etwas ganz Neues im Leben des Eichhorns, hinter dem momentan alles andere zurückstehen – oder besser: das mit allem anderen erst in einen neuen Rhythmus eingetaktet werden muss. Auch mit dem geliebten Filmabend und dem Geflüster aus der Baumkrone. Es ist ein Job und zwar einer, wie ich ihn noch nie hatte. Es ist mein erster Ausflug in die Soziale Arbeit und vielleicht bleibe ich da jetzt einfach.

Ich betreue geflüchtete Menschen in einer Notunterkunft, versuche, gemeinsam mit meinen neuen Kolleg_innen, das Beste daraus zu machen für die, die erstmal – oder im schlechteren Fall auch für länger – in einer Turnhalle mit zweihundert fremden Menschen unterkommen müssen, die für die nächste, nicht einmal genau festgelegte Zeit keine oder nur geringfügige Mittel zur Verfügung haben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Die augenblicklich ein Leben führen, das ich mir kaum vorstellen kann, geschweige denn mich im Stande sehe, ein solches für einen nennenswerten Zeitraum zu ertragen.

Das ist keine leichte Aufgabe. Und sie geht mir immer wieder nah, zu nah für die professionelle Distanz. Die muss ich lernen wie so vieles andere auch. Aber ich bin froh. Denn ich habe das Gefühl, in diesem Moment auf meinem Weg einen für mich passenden Platz gefunden zu haben, einen Platz, an dem ich das tue, was ich gut kann. Einen Platz, an dem ich eine Arbeit leiste, die für mich Sinn ergibt, weil sie in meiner Vorstellung eines lebenswerten Lebens in einer Welt, wie ich sie gerne hätte, notwendig ist. Weil ich damit eventuell einen klitzekleinen Beitrag dazu leiste, Frustration, Perspektivlosigkeit, Isolierung, Aggression und Gegeneinander zu vermeiden und stattdessen Gespräch, Verstehen, Austausch, Neugier und Offenheit einen Weg zu bahnen.

Deshalb bin ich gerade ungeachtet der Schwere dieser Zeiten ein bisschen froh.

Aufbruch

Der liebe Freund und ich haben das Thema ähnlich interpretiert, wenn auch anhand unterschiedlicher Genres. Bei uns beiden geht es um den Aufbruch aus unaushaltbaren Zuständen und Milieus, um drastische Eskalationen als Auslöser und um Frauen als zentrale Figuren, die den Aufbruch wagen.

When Animals Dream erzählt von einer jungen Frau in einem provinziellen Umfeld, die von derselben “Krankheit” befallen ist wie es schon ihre mittlerweile ruhig gestellte Mutter war. Mit seinen dem Horrorgenre entlehnten Elementen ist es in den Augen des lieben Freundes ebenso wie in meinen eine vielschichtige Allegorie – auf die Einschränkungen des Anderen, von der Norm Abweichenden durch eine etablierte Regelhaftigkeit, in diesem Fall durch Traditionen und ungeschriebene Gesetze der lange bestehenden Gemeinschaft ohne nennenswerte äußere Einflüsse, aber ebenso auf die Abwehr der neu erwachten weiblichen Sexualität, die in ihrer ungebändigten, freien Form einem restriktiven, patriarchal geprägten Milieu Angst macht, und auch auf die Ängste und starken Emotionen, die die Pubertät und die einhergehende Veränderung in Körper udn Seele im eigenen Inneren verursacht. Das muss man mögen und wie sich schon bei The Company of Wolves zeigte, ist es das Ding des geliebten Mannes nicht. Überhaupt nicht.

In der folgenden Woche war der Konsens wieder größer. Ich hatte das Motto ausgesucht, weil ich seit langem einen Film zeigen wollte, der mich vor fast zwanzig Jahren ungeheuer beeindruckt, aber auch emotional so mitgenommen hatte, dass ich mich lange nicht mehr an ihn ran traute. Once Were Warriors von Lee Tamahori schildert tief berührend ein städtisches Maori-Milieu am sozialen Rand, geprägt von sozialem Wohnungsbau, Alkoholmissbrauch und unkontrollierten Gewaltausbrüchen, in dem die Protagonisten mehr oder weniger perspektivlos gefangen sind.

Für beide Männer war der Film von 1994 neu, beide fanden ihn gut. Übereinstimmend stellten wir fest, dass wir wenig bis keine Ahnung vom Leben der Maori haben, wobei ich nicht glaube, dass es zum grundsätzlichen Verständnis des Films notwendig ist, er funktioniert auch ohne Hintergrundwissen. Ich befand ihn auch dieses Mal als äußerst sehenswert, obwohl er mir ein wenig schablonenhafter – vor allem in der Gegenüberstellung des desolaten städtischen Milieus mit dem Positiv einer traditionell orientierten, außerstädtischen Maori-Gemeinschaft – vorkam. Eher nachdenklich stimmt mich die Tatsache, dass ich mit der Gewalt im Film deutlich weniger Probleme hatte als vor 20 Jahren: die explizite Darstellung hielt ich damals wie heute für notwendig, damit der Film funktioniert. Aber meine Sehgewohnheiten scheinen sich dahingehend verändert zu haben, dass mich die Darstellung heute weit weniger berührt und entsetzt; sie scheint für das Medium zur Norm geworden zu sein.

Und gestern hat nun der Mann ein echtes Schätzchen gezeigt. Ich kann mir nicht erklären, warum Cheyenne – This Must be the Place mit einem grandiosen Sean Penn als gewesener Popstar amerikanisch-jüdischer Herkunft so vollkommen an mir vorbeigegangen ist, als er vor drei, vier Jahren ins Kino kam. Ich habe gestern abend Dialoge gehört, die zum Besten gehören, was mir seit Jahren im Kino untergekommen ist, gespickt mit wunderbaren Weisheiten und Witz, beeindruckende Bilder gesehen, die mich wünschen ließen, den Film nochmal auf großer Leinwand sehen zu dürfen, mich in Sean Penn verliebt.

Ich habe nichts erwartet und Großartiges bekommen – da könnte es aber auch einen Zusammenhang geben. Ich muss den Film nochmal anschauen, um zu entscheiden, ob wirklich unter den ersten Zwanzig besteht, und ich freue mich darauf. Man muss das sehr Skurrile mögen, man muss sich einlassen können aufs Absurde, so wie sich die Menschen auf dem Weg auf den exaltierten Cheyenne einlassen müssen. Dann bietet sich einem viel zu lachen sowie ein insgesamt sehr erfreuliches cineastisches Erlebnis.

Mal sehen, was die nächsten sein werden, wenn wir nach Herrn Nils Klims Vorgabe “Dysfunktionale Familie” gucken.

Sonntag für die Seele

Stadtspaziergang möchte sie gerne einen machen, sagte eine der Besten, denn ihr Liebster läuft lieber in der Natur. Sie drückt mir ein entsprechendes Buch in die Hand und sagt: “Such aus. Nicht Mitte, Friedrichshain oder Kreuzberg, da bin ich durch.” Letztendlich entscheide ich mich nicht, sondern stelle sie vor die Wahl. Britz oder Wilhelmsaue. Da bin ich quasi nie. Interessen-Renaissance für das ganz alte, mir unbekannte Westberlin.

Sie wählt Wilmersdorf. Auf dem Weg vom Fehrbelliner Platz zur Berliner Straße stelle ich fest, das stimmt so nicht, ich bin gar nicht so selten in der Ecke, zumindest liegt sie von Charlottenburg aus – auch ziemlich Westberlin – immer mal wieder auf dem Weg. Eine der Besten kommt hier praktisch nie her. Sie findet das alles neu und interessant, die komischen kleinen Läden, das Altbackene, die mehr oder minder leichte Verstaubtheit, die sie hier vorfindet.

Was uns beiden unbekannt ist und gefällt: die Ruhe, die Dörflichkeit der Wilhelmsaue. Eine kleine Oase. Zum Luftholen in der großen Stadt. Der Volkspark Wilmersdorf gibt doch noch mal so einen Anschein von Natur, Herbst ist schon schön.

Noch schöner ist für mich die Zeit mit ihr. Die Gespräche, das Lachen, das Hin und Her der Gedanken, vom Hölzchen zum Stöckchen, die Vertrautheit, die nie in Routine erstarrt ist oder an der Oberfläche vertuscht, dass man gar nicht mehr viel gemeinsam hat. Wo wir laufen, ist fast egal, vielleicht auch ganz.

Auf dem Weg nach Hause fühle ich mich froh und zufrieden. Glücklich. Darüber so eine und noch zwei, drei andere solche der Besten zu kennen. Und darüber, meinen Sonntag so sinnvoll verbracht zu haben.

PS: Auch wenn die Umwelt zweitrangig war: zum inneren Erleben bot das kleine Zimt und Zucker Wohncafe den würdigen Rahmen: ein kuschliger Ort zum Kaffeeklatschen, Kuchenessen, Zeitunglesen, vertraute Gespräche genießen, in Ruhe gelassen werden. Name und äußerer Anschein wirken auf mich gewollt, die gemütliche Atmosphäre, die Qualität von Kuchen, Kaffee und Tee und der freundlich-zuvorkommende Service sind dann allerdings echt.

Afghanistan ist sicher, weil, wir verhandeln ja jetzt wieder mit den Taliban, die als so böse galten, dass das Mittel des Kriegseinsatzes mit all seinen Risiken für die Zivilbevölkerung als angemessen betrachtet wurde, obwohl es ja auch früher schon eine Zeit gab, in der die Taliban von westlichen Machtbündnissen unterstützt und aufgebaut wurden, weil, die Russen, die waren halt noch böser, usw. oder so ähnlich…

Aber da wir das mit den Flüchtlingen ja schaffen, schaffen wir jetzt einfach die Gründe für Asyl ab, indem wir die ganze Welt zu sicheren Herkunftsländern erklären. Dann schaffen wir das nämlich locker. Afghanistan erscheint mir nicht als sicher. Vor allem nicht sicher für Frauen, und gar nicht sicher für Menschen, die im Land für westliche militärische oder sonstige Einrichtungen, zum Beispiel die Bundeswehr, gearbeitet haben. Aber egal, was kratzt das uns. Wir wollen sie jedenfalls nicht bei uns, deshalb vereinbaren wir mit der dortigen Regierung, dass sie die Leute wieder zurücknehmen. Retourenmanagement souzusagen.

Einen kurzen Moment dachte ich, bei der deutschen Kanzlerin einen Funken Menschlichkeit aufblitzen gesehen zu haben. Aber husch, schon vorbei. Aber so was von. Wie dumm von mir, daran geglaubt zu haben.

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