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Recht auf Familie

„Ich habe das Gefühl, meine Kinder dem Tod überlassen zu haben.“

Viele Männer haben sich alleine auf die gefährliche und kraftraubende Flucht nach Europa gemacht haben, um aus dem sicheren Land auf sicherem Weg ihre Frauen und Kinder aus dem Krieg zu holen. Viele Minderjährige haben sich allein nach Europa durchgeschlagen, sie brauchen dringend die Fürsorge ihrer Eltern, die Geborgenheit ihrer Familie
Die Bundesregierung verwehrt dies alles seit März 2016 diesen Männern, diesen Frauen, diesen Kindern, diesen Jugendlichen.

In Artikel 6 des Deutschen Grundgesetzes steht:

(1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.
(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.
(3) Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur auf Grund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen.
(4) Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft.
(5) Den unehelichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen Bedingungen für ihre leibliche und seelische Entwicklung und ihre Stellung in der Gesellschaft zu schaffen wie den ehelichen Kindern.

Wir hielten das für so wichtig, dass wir es in unser deutsches Grundgesetz aufgenommen haben. Aber es gilt nicht für Menschen, die nicht das Privileg haben, hier geboren zu sein?

Liebe FreundInnen, bitte unterzeichnet diese Petition. Danke.

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Ein Gruß

Ich bin froh, Dich beim Fest vor ein paar Tagen noch getroffen zu haben. Trotz allem schien mir, dass Du den Abend genießt. Dein Leben war anstrengend in den letzten Jahren. Wegen der Schmerzen, immer eine gesundheitliche Baustelle nach der anderen tat sich auf und nie war es nur ein kleines Zipperlein.
Und trotzdem habe ich Dich immer noch manchmal lachen gehört, bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen ich Dich sah, durfte Dein ansteckendes, Dein so überaus herzliches Lachen hören. So auch an diesem Abend als Du verschmitzt die Geschichte erzählt hast, wie Du auf die Ankündigung Deiner Enkelkinder, dass Mama jetzt „Barfuß am Klavier“ spielt, gedacht hast, mein Gott, wie lässig, meine Tochter, wahrscheinlich sogar noch im Minirock.
Du hast Dich immer noch interessiert für die, die um Dich waren, die ab und zu in Deinem Leben vorbei geschaut haben. An diesem letzten Abend haben Du und H., Deine Enkelin, meiner kleinen Tocher die Langeweile mit Kniffelspielen vertrieben. Du musstest zwischendrin aufstehen, weil Sitzen zu weh tat.
Was mich ärgert, ist, dass ich Dir an dem Abend nicht gesagt habe, wie gut Du aussiehst. Denn genau das habe ich gedacht, als ich Dich gesehen habe: E. ist heute abend richtig schön. Das ärgert mich und ich werde es mir zu Herzen nehmen, gute Gedanken immer gleich auszusprechen, bevor die Gelegenheit unwiderbringlich vorüber ist. Ich hoffe, Du bist irgendwo, wo Du es trotzdem weißt.
Beim Gehen sagtest Du, dass Weihnachten sehr schön, aber auch sehr anstrengend für Dich war, und Du Dich jetzt aufs Ausruhen freust. Den Gedanken finde ich tröstlich, auch wenn ich nicht den Eindruck hatte, dass Du soweit bist, für immer zu gehen.
Ich kann morgen beim letzten Abschied nicht dabei sein. Aber ich zünde eine Kerze an und ich trinke ein Glas guten Wein auf Dich. Du wirst fehlen.

Für Dich:

Memories are made of this

Für alles, das war. Aber vielleicht noch vielmehr für das, was hätte sein können. Hätte sein sollen.

Momente

S. sitzt vor mir und sagt: “Ich habe das Gefühl, mein Leben ist soeben zu Ende gegangen. Ich will kein Geld, kein Wohnheim. Ich kann mich selbst um mich kümmern. Ich möchte nur ein normales Leben führen, das ist alles. Nur das. Bitte.“

S. kommt direkt aus Finnland zu uns. Dort wurde sein Antrag auf Asyl abgelehnt. Er ist vor zehn Jahren weg aus dem Irak, war hier und dort, auf der Suche nach einem Platz für ihn.

Hier soll er ihn auch nicht finden. Auch wenn Deutschland vielen Irakern das Recht wenigstens auf subsidiären Schutz einräumt – Dublin geht vor. Finnland ist zuständig. Finnland schiebt ab? Nicht unser Problem.

Gleichzeitig ist Y. angekommen. Aus Schweden. Y. kommt ursprünglich aus Mossul. Schweden hat seinen Antrag abgelehnt. “Und jetzt? Soll ich zurück in den Tod?“

A. ist seit Juni bei uns. Letzte Woche hat er vom Bundesamt für Flüchtlinge und Migration in Deutschland mitgeteilt bekommen, dass sein Antrag auf Asyl oder Anerkennung der Flüchtlingseigenschaften abgelehnt wurde und er zurückkehren muss nach Afghanistan.

A. hat in der Anhörung angegeben, dass er mit seinen Eltern ein Stück Land bebaute und so sein Auskommen hatte. Die Taliban haben ihn angeworben, aber er hat sich geweigert. Daraufhin wurde er bedroht, seine Familie bedroht. Mittlerweile sind über 100 Männer in seinem Dorf wegen einer solchen Weigerung ermordet worden.

Aber die eine Person, die beim BaMF seinen Antrag geprüft hat, glaubt ihm nicht. Sie hat die Niederschrift seiner Anhörung gelesen – nicht das Gespräch selbst geführt -, übersetzt von einem nicht geschulten, nicht unbedingt professionellen Dolmetscher, der eventuell nicht mal genau die Sprache von A. spricht, sondern nur eine ähnliche.

Ich kenne den jungen Mann seit knapp drei Monaten und wüsste nicht, warum man ihm nicht glauben kann. Es geht um sein Leben. Begreift das hier denn niemand?

Kaum zu glauben

Jetzt sind es über 10 Monate, dass die Turnhalle als Unterkunft für Geflüchtete dient, und nicht wenige unserer Bewohner sind seit dem ersten Abend da.

Es gibt jetzt Anhörungen, immer wieder subsidiären Schutz für Syrer. Das ist keine Katastrophe. Außer wenn die Familie noch ausharrt – im Krieg oder in von ISIS beherrschten Gebieten. Oder dort, wo gerade die das Sagen haben, die am stärksten sind und sowohl die eine als auch die andere Seite keinerlei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nimmt. 

Die Familie – sowieso nur Eheleute und minderjährige Kinde – kann man nämlich dann zwei Jahre lang erstmal nicht nachholen. Das ergibt gerade für Kriegsflüchtlinge richtig viel Sinn.

Von Herrn J. und seinem Sohn M. habe ich mich heute Abend verabschiedet, ebenso wie von seinem Schwiegersohn A.. Die drei fliegen morgen aus dem genannten Grund zurück. In den Irak. Dort ist es nicht sicher für sie. Wer weiß, ob sie überleben. Aber die Frau, die Mutter, die Schwester und die kleinen Kinder sind noch dort. Und die beiden Männer haben nicht mal eine Ahnung, wann sie zur Anhörung gehen können. Geschweige denn, wann sie den Bescheid erhalten. Nach zwei Wochen? Zwei Monaten? Einem Jahr? Und welchen. Sie haben es nicht mehr ausgehalten. Schweren Herzens gehen sie zurück.Ins absolut Ungewisse. Schweren Herzens müssen wir sie ziehen lassen.

Draußen steht H., man sieht ihm Unruhe an. Auf die Frage, ob alles in Ordnung ist, schüttelt er den Kopf. Nein, er habe gerade mit Herrn J. gesprochen. Fotos gezeigt bekommen. “Der geht zurück. Zu seiner Familie. Ich möchte auch zurück. Wenn ich nur könnte, ich ginge auch zurück. Ich vermisse sie so sehr.“

Manchmal ist es nur schwer auszuhalten. Das Leid, das System, den Hass derjenigen, denen es vergleichsweise so gut geht.

Graue Tage

Ein halbes Jahr existiert sie nun, die Notunterkunft in der Turnhalle. Und kaum etwas wird besser. Aussichten gibt es wenige. Aufenthaltstitel oder auch nur eine Anhörung hat seit Ende des letzten Jahres niemand mehr bekommen. Theoretisch dürfen immer mehr unserer Bewohner sich für wenig Geld eine Wohnung anmieten, doch woher sollen sie sie nehmen? Wo finden? Wie sattsam bekannt, war das Angebot vorher schon mehr als mager.

Hostels, Hotels und Ferienwohnungen werden augenblicklich geräumt. Wohl zu teuer, nicht adäquat belegt, was auch immer. Ich habe mich um die Argumentation nicht geschert, sie interessiert mich nicht. Relevant ist, dass die Menschen zurück in die Notunterkünfte getrieben werden. Container werden jetzt lieber auch keine gebaut. Sondern was Langfristigeres. Wann? Keine Ahnung.

Die Stimmung sinkt, das Warten zermürbt, macht müde und killt die Motivation. Fast alle wollen zur Schule, studieren, arbeiten, kaum einer darf das jetzt. Es ist schwer herauszufinden, wer, wann und warum. Und vor allem: woher er die Genehmigung bekommt. Viele dürfen nicht einmal offiziell Deutsch lernen. Das weiß nur niemand, denn Politik und anderen Gestalten liegt viel daran, die Bringschuld allein bei den Geflüchteten anzusetzen, sie darzustellen als diejenigen, die gezwungen werden müssen sich zu integrieren, unsere Sprache, unsere Werte, unsere Leitkultur zu erlernen und sich anzupassen. Wie wenig Gelegenheit sie dazu bekommen, darüber wird die Öffentlichkeit eher nicht in Kenntnis gesetzt.

Konflikte werden häufiger, eskalieren. 200 Menschen mit unterschiedlichsten Geschichten, mit einer unermesslichen Bandbreite an Träumen und Erwartungen, sozialen und ethischen Hintergründen, an Lebensarten, leben Tag für Tag Bett an Bett. Na klar kracht es da. Ein Wunder ist, dass es nicht öfter passiert. Und nicht mehr eskaliert. Psychische Probleme brechen sich Bahn oder entstehen erst, wer weiß das schon so genau.

Wir versuchen es mit Kleinigkeiten, denn am Großen und Ganzen lässt sich wenig rütteln. Mehr Freizeitaktivitäten, ein Sommerfest, mehr Selbstverantwortung. Schulungen für Wohnungssuche, Ausbildungsmöglichkeiten, individuelle Hilfe, wo immer sie möglich ist. Der beste Sozialarbeiter in town, Herr D., versucht, die Essensituation zu verbessern, was zumindest uns bereits ein köstliches Probeessen beschert hat. Er hat auch die Spendenaktion für Leihlaptops forciert, die „ein bisschen Spaß“, wie O. sagt, bringen können. Oder auch Arbeitserleichterung. Information.

O. lebte ein paar wenige Monate in einer Wohnung, die er jetzt wieder räumen musste. Er ist zurück in der Turnhalle, die Tränen, die in seinen Augen standen, als er kam um zu fragen, ob wir ihn wieder aufnehmen können, sind versiegt. Er macht das Beste daraus, lernt ab 12 Uhr nachts, da ist es am ruhigsten. Hat angefragt, ob er ein paar der jungen Männer, seine Freunde, die noch keinen Deutschkurs besuchen dürfen, unterrichten darf im Haus. Aus sehr egoistischen Gründen bin ich froh, ihn bei uns zu haben. Lieber wäre mir, er hätte eine dauerhafte angemessene Bleibe.

Es fühlt sich an, als stehen wir allein auf weiter Flur. Wenn wir am Ende unseres Vermögens angekommen sind wie bei Y., der getriebenen Seele mit psychischen und Drogen induzierten Problemen, dann scheint da – nichts mehr zu sein.

Die Verwaltung versagt in den einfachen Dingen, in den komplizierten ist es vollkommen sinnlos, mit ihr in Kontakt zu treten. Im Landesamt scheint niemand übrig zu sein, der oder die gewillt oder in der Lage ist, in irgendeiner Weise unterstützend oder auch sonstwie zu agieren.

Mir fehlt die Sprache, um die Unfähigkeit, Herzlosigkeit und Ineffizienz dieser und aller anderen beteiligten Behörden zu beschreiben. Wenn Integration oder was immer es ist, das passieren muss, damit wir mit unseren neuen MitbürgerInnen zu einem friedlichen und im besten Fall inspirierenden Zusammenleben finden, in Berlin scheitert, dann ist das zu großen Teilen von diesen zuständigen Behörden zu verantworten, die nicht einmal das pure Verwalten mehr hinbekommen.

Im Fall von Y. hat auch das Krankenhaus versagt, warum auch immer. Kein Interesse, Überforderung? Trotz großem Engagement vom Sozialpsychiatrischen Dienst und einer hoch motivierten Amtsärztin. Interessant wäre zu wissen, ob auch so schlecht gearbeitet wird, wenn es nicht um geflüchtete Menschen geht. Ich hoffe, Y. überlebt. Manchmal macht es keinen so großen Spaß. Hier auf dieser Welt, in dieser Stadt, in der Turnhalle.

 

Der Weg ist das Ziel

Jeggelesnah. Ich komme nicht mehr hinterher. Der Filmabend leidet ein wenig unter der neuartigen Arbeitssituation. Das ist schade. Aber dann haben wir doch einfach mal so drei Filme gesehen und ein neues Motto schon angefangen und ich habe noch gar nichts zum vorhergehenden geschrieben…
Ich mache es kurz: der geliebte Mann hat TGV, einen ganz großartigen, senegalesischen Film von 1998 über eine Bustour von A nach B mit einem Sammelsurium an Charakteren, gezeigt. Ich hatte den Film damals im Kino gesehen und mich zu Recht über das zweite Mal gefreut.
Von mir kam Taxi Teheran von Jafar Panahi, der seit seinem Berufsverbot wegen Kritik an der Regierung Taxi fährt und das einfach zum Film gemacht hat. Ein Potpourri aus Eindrücken aus der iranischen Hauptstadt, das mir ein weiteres Mal klarmacht, dass ich nichts weiß über dieses Land. Nichts. Nado. Viel zu wenig.
Und dann kommt der liebe Freund und setzt noch einen drauf. Nichts richtig Freudiges. The Road ist düster, eine Dystopie, Vater und Sohn auf der Reise ins vermeintlich noch Lebenswerte. Nicht schlecht, bis auf das verkitschte Ende.
Wir haben schon begonnen mit dem nächsten: Der Traum vom Fliegen. Und heute bin ich dran und MIR.FÄLLT.NICHTS.EIN. HILFE!