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Archive for Juni 2009

Ich gebe zu, ich habe es mir einfach gemacht. Ich bin dem willkommenen Rat eines Mitschauers gefolgt und habe das schönste Roadmovie, das ich kenne, ausgesucht: Thelma & Louise, einen meiner All-Time-Favourites – und nicht nur wegen dem ganz jungen Brad Pitt.

Zurecht wies der geliebte Mann darauf hin, dass der Film ja das Motto Cherchez la Femme sehr wörtlich aufgreift: die beiden Freundinnen auf Wochenendausflug, die nach einer versuchten Vergewaltigung den Typen erschießen und dann aus der Erfahrung, dass ihnen nicht geglaubt werden wird, fliehen. Im Anschluss begehen sie notgedrungen noch ein paar kriminelle Handlungen, um dann im Showdown von einer regelrechten Armee aus FBI und ich weiß nicht wem verfolgt zu werden.

Natürlich hat er recht. Man hätte dem Motto viel gewitzter und subtiler gerecht werden können. Aber ich wollte ihn doch so gerne mal wieder sehen. Und der Herr Nils ja auch. Der Cineast warnt vor einer Verflachung unseres dienstäglichen Programms, der gestrige Gastgucker war ein wenig verwundert auf Grund des Bekanntheitsgrades (und eventuell der Massentauglichkeit?) der Auswahl. Er hatte offenbar Spektakuläres, Erlesenes und Elitäres erwartet.

Ich persönlich war nach so vielen Jahren kein bisschen enttäuscht. Ich habe den Film oft gesehen, sehr oft. Ich kann ihn fast auswendig. Und ich finde: großartigster Kintopp. Die Dialoge, die Personen, der Witz. Eigentlich gehört er auf die große Leinwand. Dabei war es Liebe auf den zweiten Blick: beim allerersten Sehen fand ich ihn nicht intellektuell genug, ich sah zu viel Brüche in der Story (das gibts ja gar nicht, wie unglaubwürdig), das Ende war zu bombastisch, alles zu sehr Hollywood. Vieles wusste ich noch nicht. Dachte, manches ist nicht erlaubt. Zum Beispiel einen wunderbaren Film über das Leben, die Freude und die Freundschaft einfach zu genießen.

Ach ja, nächstes Mal geht es weiter mit einem Film, der sich irgendwie mit Metamorphosen beschäftigt. Tipps sind wie immer höchst willkommen.

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Gestern war so eine – ich nenn‘ sie mal – Konstantin-Wecker-Nacht (oder auch…), eine helle Sehnsuchtsnacht, Summer in the city . Leider gibt es nicht so viele davon, es ist fast Mittsommer und die Tage werden wieder kürzer. Bisher waren die langen Abende meist zu kalt und zu nass, um sie draussen verbringen zu wollen.

Ich bin mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs, es gibt wenig Besseres für solche Nächte, zumindest, wenn man sie nicht durchtanzen kann, sondern auf dem Weg nach Hause zu den Kindern ist. Ärgerlicherweise habe ich kein Licht am Fahrrad,was den Genuss eindeutig schmälert. Erstens habe ich ein schlechtes Gewissen, denn es ist unverantwortlich, wie ich aus Autofahrersicht weiß. Zweitens muss ich permanent Ausschau halten nach Polizeiautos; das beeinträchtigt die Konzentration auf den Duft der Linden und die sommernächtlichen Geräusche, das Spiel der Lichter auf der Spree.

Ich finde mein Verkehrsverhalten übrigens tatsächlich fahrlässig, habe einen Haufen Begründungen, die ich mir für mich, aber auch für den Fall, dass ich angehalten werde, zurechtgelegt habe. Und ich habe die Stimme des – sehr vernünftigen – Beamten bereits im Ohr, der sagt, es tue ihm sehr leid, was mir alles widerfahren ist, und natürlich sei es traurig, dass die Berliner Polizei ganz schlechte Aufklärungsquoten bei Fahrraddiebstählen (von voll funktionsfähigen Fahrrädern, wohlgemerkt) aufweist, aber all das mache meine nächtlich-unbeleuchtete Fahrt nicht ungefährlicher und schon gar nicht weniger ungesetzlich.

Zurück auf meinem Weg halte ich es für eine hervorragende Idee, kurz vor Moabit abzubiegen in den kleinen Weg am Fluß entlang, mir eines meiner Lieblingsgewässer bei Nacht zu betrachten. An Moabits Rand entlang zu fahren. Es ist ein bisschen dunkel für meinen Geschmack und vor mir sind drei Gestalten abgebogen, aber was soll in einer solchen Nacht passieren? Und – hier kann mich kein Polizeiauto aufhalten, abmahnen und eventuell -kassieren. Wieviel kostet eigentlich Fahrradfahren ohne Licht?

Kurz bevor ich mich völlig dem poetischen Zauber der Situation und meiner Gefühlslage hingeben kann, kommt es zur Vollbremsung, Gott sei Dank unbemerkt von den vor mir Laufenden. Anhand zweier unverwechselbarer Mützensilhouetten und der im Dunkeln leuchtenden Aufschrift habe ich sozusagen in letzter Sekunde erkannt, dass vor mir tatsächlich Polizei läuft. Ein Mann und zwei junge Frauen. Vermutlich auf dem Weg vom Präsidenten bewachen zur U-Bahn. Na toll.

Vielleicht hat meine Aktion wenigstens zum abendlichen Amüsement der gegenüber am Ufer oft in Zweiergrüppchen sitzenden jungen Menschen beigetragen. Andererseits hatten sie wahrscheinlich einfach Besseres zu tun.

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Meine große Tochter sagte letztens zu mir, sie könne Männer nicht leiden, die so singen. Dabei bezog sie sich auf die im Radio viel zu selten gespielten „Doors“ und meinte den göttlichen Jim Morrison.

Ein paar Wochen vorher lief beim Abendessen mit Freunden eine von mir zusammengestellte und gebrannte CD. Irgendwann hebt sie den Kopf, schaut mich resigniert-verächtlich an und sagt: „Die CD hast bestimmt Du aufgenommen, oder?“

Ich schaue meinem Küken gerade beim Flüggewerden zu. Hätte nicht gedacht, dass das so schwer wird. Und dabei steht die Pubertät erst bevor. Jedenfalls werde ich heute abend um neun auf Arte nochmal Prinzessinnenbad ansehen, eine wunderbare Dokumentation über drei heranwachsende Mädchen aus Kreuzberg, die mit großer Einfühlsamkeit nie bloßstellt und mich beim ersten Sehen trotzdem traurig gemacht hat. Empfehlenswert.

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Gestern habe ich mir eine Jahreskarte für den Berliner Zoo zugelegt. Nach dem direkt folgenden Besuch weiß ich nicht mehr, ob das richtig war. Vor 25 Jahren schrieb ich ehrlich empfundene Empörung über das Leid der eingekerkerten Tiere an solchen Orten für die Schülerzeitung. Aus der Zeit stammen meine besten Tierfotografien, ein Genre, welches ich heute nicht zu meinen Talenten zähle:

Tierfotos heute: Möwe

Tierfotos heute: Möwe

Tierfotos heute: Orca

Tierfotos heute: Orca

Seit ich Kinder habe, habe ich meine gutmenschliche Betroffenheit abgelegt und mir eine differenzierte Meinung gebildet. Überzeugt vom Konzept bin ich bis heute nicht. Was allerdings meine sowieso schon halbherzig positive Einstellung immer mehr ins Wanken geraten lässt: ich bin mir nicht sicher, ob es die Kinder tatsächlich begeistert oder wenigstens interessiert.

Wie auch schon meine große Tochter, die mit ihren 10 Jahren klipp und klar sagt, sie hat keine Lust auf Zoo, das sei ihr langweilig und sie geht lieber mit einer Freundin in den benachbarten Zoopalast und guckt „Hannah Montana“…aber das ist ein anderes Thema…jedenfalls, wie also schon sie, gerät die Kleine am meisten in Verzückung, wenn sie Enten oder einen Wasserfall sieht. Die Pumpe im Tierkindergehege übt ebenfalls große Anziehungskraft aus. Dafür hätten es keine 55 Euro sein müssen, Wasserpumpen stehen in Moabit noch auf der Straße. Und auch Wasserfall finde ich einen für umsonst, da bin ich mir sicher.

Ansonsten befindet sich auffällig oft im Tierpark oder Zoo der schönste und größte Spielplatz der Stadt. Zufall? Oder wissen die Betreiber, dass die Besucherzahlen deutlich zurückgehen würden, wenn sie als Hauptattraktion hospitalisierte Eisbären vorweisen?

Eine Zweijährige ist zu klein und noch zu ehrlich, um angesichts der verschiedensten Jungtiere in Verzückung zu geraten. Das übernehmen die Muttis. Überhaupt, die Eltern: „guck mal, guck mal, hier sind die Braunbärchen“, da drüben dann die Röbbchen und die Flußpferdchen? Die Gorillachen und Löwchen? Oder heißt es Löwelein? Hinter mir höre ich den dozierenden Monolog eines Vaters über den Unterschied zwischen Robben und Seehunden. Ich vermute, völliger Humbug. Wahrscheinlich ist er Lehrer. Sein Sohn hat diesen glasigen Blick. Er weiß, wenn er alles lang genug über sich ergehen lässt, wartet am Ende der Spielplatz mit Eisstand.

Ich erspare meiner Tochter einen Einblick in meine mehr als mangelhaften zoologischen Kenntnisse, für die sie sich eh noch (?) nicht interessiert und gehe auf direktem Weg zur Schaukel. Andere Kinder sind die ersten Lebewesen, die wirklich Begeisterung bei ihr wecken.

Ich beschäftige mich solange mit der Frage, warum überdurchschnittlich viel Russisch zu hören ist hier. Gibt es in Rußland keine eingesperrten exotischen Tiere? Und wie ist das mit anderen Ländern auf der Erde? Mir würde es auf einer Städtereise im Traum nicht einfallen, den dortigen Tierpark zu besuchen. Vielleicht mit Kindern, wegen der Spielplätze. Aber hier sind Reisegruppen, junge Menschen aus anderen Ländern, offensichtlich Touristen. Auch ohne Kinder und auch im Raubtierhaus und am Flußpferdbecken. Wozu?

Ob der Tatsache, dass dem hiesigen Zoodirektor (Wenn wir Körner hätten essen sollen, hätte uns der liebe Gott einen Schnabel mitgegeben. Der Berliner Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz auf die Frage, warum im Selbstbedienungsrestaurant im Zoo keine vegetarische Speise angeboten wird.) bei einer Privatfütterung von einem Schimpansen ein Finger abgebissen wurde, kann ich mich einer bestimmten Belustigung nicht erwehren. Manchmal, ganz eventuell, kann Rache vielleicht doch süß sein.

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Jetzt weiß sicher, dass so ein Blog zu etwas gut ist: gestern durfte ich einen der besten Filme seit langem sehen, und das verdanke ich zwei Kommentatorinnen zu meinen Dienstag abend-Beiträgen. „Alles ist erleuchtet“ ist urkomisch, intelligent, skurril, zärtlich, liebevoll und tieftraurig. Mich hat er erinnert an den frühen Jim Jarmusch und Emir Kusturica.

Nicht gerade ein Schenkelklopfer, aber dabei habe ich festgestellt, das muss auch gar nicht sein. Der Film verankert die grausame Geschichte eines ukrainischen Schtetls im Hier und Jetzt des nach den Wurzeln seiner Familie suchenden, etwas verschrobenen, sehr großstadtamerikanischen Intellektuellen, Vegetarier, Sammler, Schriftsteller, Jude.

Und wieder einmal stelle ich fest: richtig großes Kino ist für mich, wenn alle Register gezogen werden, wenn die Welt voller Sprünge ist, bunt und nicht schwarz-weiß, und wenn sich ein gewichtiges Thema über sensiblen Witz erschließt. Wunderbar.

Hört jetzt bloß nicht auf mit den Kommentaren. Das nächste Mal bin ich dran, auf der Suche nach der Frau: Cherchez la Femme – wörtlich oder übertragen. Ich habe einige Ideen und bin gespannt auf die Euren.

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Jetzt hatte ich mir doch so fest vorgenommen, wenigstens die Dienstag abendliche Serie regelmäßig fortzusetzen und was muss ich feststellen? Ein paar Wochen echte Arbeit und ich bin drei Filme ins Hintertreffen geraten. Ich kann mich nur noch so gerade erinnern.

Der Klassenkampf wurde uns dann tatsächlich klassisch nahe gebracht, wir sahen Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt? – ich auch wirklich zum ersten Mal.

Fasziniert hat mich bei der stramm kommunistischen Abrechnung mit der Weimarer Republik die Nähe zur künstlerischen Avantgarde der frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, zu den Kunstformen des Agitprop. Neben aller Polemik – am Drehbuch schrieb Brecht mit, die Musik stammt von Hanns Eisler – wird die Geschichte der verarmenden Arbeiterfamilie, die ihre Wohnung verliert und deshalb in die Zeltkolonie „Kuhle Wampe“ am Müggelsee zieht, in der Sprache und der Ästhetik des neuen Mediums Film erzählt.

Ich fand auch Brechts Episches Theater, aber vielleicht war die eher hölzerne Darstellung doch anderen Gründen geschuldet.

Ich ging mit der Aufgabe „Zwischen den Kriegen“ in die darauffolgende Woche, wollte nicht so plump sein, und einfach „Cabaret“ zeigen, habe mir den Kopf zerbrochen und den Herren dann Michael Collins von einem meiner Lieblingsregisseure, Neil Jordan, vorgespielt.

Ein Spielfilm, in dem die sicher sehr subjektive Überzeugung zum Ausdruck kommt, dass der Freiheitskämpfer Michael Collins vom späteren ersten irischen Taoiseach und damaligen Kampfgenossen Eamon de Valera verheizt wurde, indem er in aussichtslose Verhandlungen mit den Briten geschickt wurde, aus denen er mit dem „Treaty“ zurückkam. Jener Vertrag, der die Teilung Irlands begründet und vom Unabhängigkeitskampf direkt in den Bürgerkrieg mündete.

Auf die zwei sich bekämpfenden Gruppierungen berufen sich auch die heutigen zwei großen Volksparteien Irlands, deren programmatische Unterscheidung einer Außenstehenden weder vergönnt war noch ihr von irischen Insidern überzeugend vermittelt werden konnte.

Doch zurück zum Film: leider habe ich wieder nicht den erlesenen Filmgeschmack meiner Mitseher ganz treffen können. Der Film war bei seinem Erscheinen 1996 in Deutschland einigermaßen gefloppt oder doch sehr umstritten. Jordan war historische Manipulation vorgeworfen worden – ein Vorwurf, den ich interessant, aber relativ haltlos finde, da es sich um einen Spielfilm und nicht um eine Dokumentation handelt. Manipuliert wird mit beidem, während die Fiktion wenigstens ehrlich Einfluss ausübt, da sie nicht vorgibt, mehr als Interpretation zu sein.

Und ganz persönlich: Den Mann, der ursächlich mit für die strenge Verbandelung der katholischen Kirche mit dem irischen Staat verantwortlich ist und der der Legende nach zur Nachricht vom Tode Hitlers ein Beileidstelegramm nach Deutschland geschickt hat, ein wenig negativ zu zeichnen, kann mich nicht wirklich bestürzen. Und einen zerissenen, aber im Herzen guten Liam Neeson als tragischen Helden sehe ich mir zudem gerne an. Doch das mag Geschmackssache sein.

Ich habe dem guten Freund „Historischen Mythos“ mit auf den gedanklichen Weg gegeben, was ihn in ziemlich verschlungen-brillianter Weise zu 1984 geführt hat. Den Metamythos sozusagen. Oder so. Kalt, am Ende perspektivlos, die Romanvorlage von George Orwell akkurat umgesetzt. Der letzte Film mit einem umwerfend zynischen Richard Burton. Fast zynisch angesichts der Depression dieses cineastischen Werkes ist auch die Vorgabe fürs nächste Mal: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Dies lässt mich befürchten, dass wir wieder keinen echten Schenkelklopfer zu sehen bekommen.

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