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Archive for Juli 2009

Heimurlaub

Urlaub ohne Wegfahren mag ich nicht so gern. Da kommt immer einer auf die Idee, das lang Unerledigte „anzupacken“. Nun gibt es meist einen Grund, warum das Unerledigte sich in diesem Zusatnd befindet: es macht keinem Freude, sich damit zu beschäftigen.

Am Ende der Urlaubswoche daheim hat uns das auch noch ereilt, leider genug um die Stimmung zu trüben und anderes nicht zu planen, aber nicht genug, um tatsächlich anzupacken.

Aber von dieser kleinen Einschränkung abgesehen, war der Urlaub ein echter Urlaub: Ausschlafen, Orte besuchen, staunen, lernen, gucken, ein bisschen Kultur, viel Zeit miteinander, Gutgehenlassen. Ein halber Tag im Bett. Freunde im Biergarten treffen. Und ich habe so viel am Stück gelesen wie gefühlte 10 Jahre schon nicht mehr. Was kann noch besser sein?

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…oder Stranger than Paradise. Im Exil lebt Willie aka Bela, der kein Ungarisch mehr sprechen will und sich von TV-Dinner ernährt. In das, was er als sein amerikanisches Leben sieht, passt seine frisch aus Ungarn eingeflogene Cousine Eva nicht hinein, obwohl nicht ganz klar ist, was dieses Leben eigentlich ausmacht. Willie hängt mit seinem Freund Eddy rum, lebt von kleinen Gaunereien, Kartentrickserei. Die Orte, durch die die beiden Kumpels auf dem Weg nach Cleveland zur mittlerweile bei Tante Lotte lebenden Eva kommen, sehen alle gleich desolat aus und auch die Weiterreise nach Florida bringt keine große Veränderung. Auch nach so vielen Jahren liebe ich diesen Gegenentwurf zum „American Dream“ (Motto fürs nächste Mal), könnte Jim Jarmusch und seinen Figuren stundenlang zu Screaming Jay Hawkins‘ „I put a spell on you“ wie in einer Meditation folgen. Dieses Mal ist auch keiner eingeschlafen…

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Gestern habe ich zum zweiten Mal den wunderschönen dänischen Film Babettes Fest von Gabriel Axel geschaut. Diese Hommage an das Leben, an die Lebensfreude und die Sinnlichkeit basiert auf der literarischen Vorlage von Karen Blixen, deren Geschichte auf Grundlage ihrer autobiographischen Aufzeichnungen so fulminant in Out of Africa verfilmt worden ist.

Die ganz große Kunst liegt im Unspektakulären. Es gibt keine einzige dramatische Szene in diesem Film, kein Blut, kein Sex, nichts Überirdisches. Die Menschen sind fromm und asketisch, dabei freundlich und herzensgut, bestenfalls ein wenig verschroben, keinesfalls unangenehm. Ein unerwartetes französisches Festmahl lässt Augen strahlen, Gesichtszüge werden weicher, das Miteinander liebevoller. Ohne Moral, ohne Botschaft und trotzdem verständlich hat mir der Film wieder einmal das Herz erwärmt.

Die Vorgabe „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ ist bravourös umgesetzt worden. Chapeau! Nächste Woche gibt es was zu „Leben im Exil“. Ein weites, weites Feld.

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YouTube fördert den Dialog der Generationen. Wenn die große Tochter mit einer neuen Entdeckung ankommt, kann sie mir die gleich vorspielen. Zumindest, wenn die Musikindustrie nicht wieder schneller war und den kostenlosen Zugriff unterbunden hat. Meistens bin ich nicht hundertprozentig begeistert: Ashley Tisdale, Rihanna, Jonas Brothers. Letzteres geht, eine Boygroup mit BritPop-Anklängen.

Dafür muss sie sich die Rolling Stones ansehen und -hören. Ein wirklich junger, wirklich sexy Mick Jagger singt Sympathy for the Devil. „Wie sehen die denn aus? Mama, das hört doch heute keiner mehr.“ Ich bin zu sprachlos, um auf darauf hinzuweisen, dass es all ihren Popkram ja gar nicht gäbe, wenn nicht die Stones….blabla. Stimmt so ja auch nicht ganz, aber was weiß schon eine 10jährige?

Bob Dylan traf ihren Geschmack dann auch nicht, obwohl die coole Mum der besten Freundin total auf den steht. Ich dachte, das hilft. Aber es stellte sich heraus, dass das Objekt der Begierde nicht Dylan sondern Marley heißt. Der ist irgendwie generationsübergreifender.

Manchmal, ganz selten kommen wir zusammen: bei den Black Eyed Peas, bei Lily Allen. Obwohl ich natürlich hoffe, mein Kind zieht nicht „Fuck you“-singend durch die Straßen. Auch wenn es um die etwas drastisch ausgedrückte Verurteilung von Homophobie geht.

Letzte Woche war die große Cousine zu Besuch. Mit Freund, Playstation und SingStar. Für Nicht-Eingeweihte: ein Karaokespiel für die ganze Familie. Das Programm: ABBA und Legends von Reet Petite bis Roxanne. Ernsthafte Konkurrentinnen waren sowieso nur die Große und ich. Die anderen Teilnehmer haben andere Qualitäten.

ABBA kann sie ziemlich gut, wobei sie erstaunt war ob meiner Textsicherheit in diesem Bereich. Ich habe mich da wohl ein wenig zu sehr mitreißen lassen. Warum sie aber dann auch noch bei dem von ihr nie vorher gehörten „Sweet Home Alabama“ (was für ein reaktionärer Bockmist, stellte ich fest, als ich zum ersten Mal Aufmerksamkeit auf den Inhalt lenken musste) 10 Punkte besser war als ich, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären.

Dialog funktioniert allerdings nur, wenn man auch zuhört. Das hat sie nicht getan, sonst könnte sie nicht behaupten, dass mir „The Teens“ immer noch gefallen.

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Alte Helden

So manche der alten Helden möchte ich gerne nochmal sehen. Bei einigen habe ich es geschafft: Mick Jagger, Bob Dylan, Van Morrison. Der Grad an Befriedigung lag bei gering (Rolling Stones) bis mäßig (Van Morrison) bis in Ordnung (Bob Dylan). Wer mir noch fehlt, ist Tom Waits. Wer nicht mehr fehlt, ist Leonhard Cohen.

Bei keinem war ich so dankbar. Ich hatte es bis letztes Jahr auch gar nicht mehr erwartet. Und plötzlich braucht er das Geld…Der alte Herr ist 74 Jahre alt und ich will nicht behaupten, dass man das nicht merkt. Wozu auch? Er scheint sowieso über den weltlichen Kategorien zu stehen.

„Zeitgemäß“ hat keine Bedeutung, wenn er von der Liebe singt, vom Verlieren, vom Vergessen, vom Verzeihen. Meine Jugend, mein Erwachsenwerden, die Tragödie einer neuen Liebe vor 10 Jahren, so viele Bilder lassen sein Lied und diese Stimme entstehen. Ich stelle fest, Herr Cohen hat mich den größten Teil meines Lebens begleitet. Nicht immer im Vordergrund, aber nie ganz verschwunden.

Überhaupt – die Stimme. Nicht viel trifft den unbeschreiblichen Punkt irgendwo zwischen Herz, Magengrube und wo ganz anders so direkt, und löst Herzklopfen, Sehnsucht, Hysterie aus. Und Verlangen.

Es war zum Heulen schön.

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Der gute Freund hat es verstanden, die intellektuelle Diva unter uns, die auf Grund der letzthin gewählten Filme bereits den Verfall des cineastisch Niveaus beklagte, zu besänftigen und – zumindest was mich betrifft – wieder einen pädagogischen Aspekt in unseren dienstäglichen Filmabend einzubringen. Wir sahen Themroc, die Metamorphose vom „Fröhlichen Proletarier“ zum steinzeitlichen Anarchisten.

Ich fand den Film faszinierend, wie er ohne echte Worte Sinn entstehen lässt, wie Bilder, Grunzen, Gesichtsausdrücke die Geschichte des im ewigen Alltagstrott gefangenen Arbeiters Themroc erzählen, der nach einer Standpauke durch den Chef den unsinnigen Job als Anstreicher verlässt, sein Zimmer zumauert, die Außenwand der Wohnung aufschlägt und zum triebhaften Höhlenmensch wird, dessen Anarchismus auch die Staatsgewalt nichts anhaben kann und der nach und nach immer mehr Nachahmer findet.

Allerdings fehlt mir der Mittelteil – meine Augen wollten nicht offen bleiben. Wegen der französischen Herkunft des Werks? Weil er zu sehr ein Spiegel seiner und nicht meiner Zeit ist? Oder bin ich einfach zu bequem geworden, mag dieses „Artyfarty“-Gedöns nicht mehr, sondern lieber „anspruchsvolle Unterhaltung“? Bin ich milde geworden oder faul? Beides?

Schon allein dafür liebe ich unseren Dienstag abend: für die Auseinandersetzung mit dem, was ich mir freiwillig immer weniger aussuchen würde.

P.S.: Der Widerstand gegen die Staatsgewalt kulminiert darin, dass zwei der Polizisten gebraten und verspeist werden. Die Vorgabe fürs nächste Mal: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“. Kommentare dringend erwünscht.

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