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Archive for Juni 2012

1) They played fine.

2) Sie hätten es auch packen können.

3) Ohne Manuel Neuer hätten sie noch viel schlechter ausgesehen.

4) Die zwei Tore wurden erzielt vom ersten schwarzen Spieler des italienischen Nationalteams. Endlich.

5) Trikot über den Kopf ziehen und sich so hinstellen. Angesichts einer wachsenden Zahl weiblicher Zuschauer: kann man machen. Muss man nicht. Kann man aber.

6) Spannend.

7) Die Spanier werden dieses Pack vom Platz fegen. Ich verlasse mich drauf.

8) Wir sehen uns 2014 in Brasilien.

9) Da, wo wir hinfahren, hat der Steinadler ein Junges. Ich glaube, das ist fast wichtiger.

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Aha. Ein Tanzfilm. So die erste – erwartete – Reaktion auf meine gestrige Auswahl. Aber Pina Bausch war eine echte Künstlerin und Wim Wenders, der den Film Pina über sie gemacht hat, ist es auch.

Daher wurde der Abend doch ein cineastischer Erfolg. Szenen aus ihren Choreographien, Kommentare von Tänzern der Compagnie und langjährigen WeggefährtInnen; ein paar wenige Bilder von ihr selbst, aus früheren Zeiten, ganz gelegentlich ihre eigenen Worte.

Sie muss ein eindrucksvoller Mensch gewesen sein, eine Meisterin, die aus den Tänzern alles herausholte, was in ihnen steckte. Für sie gab es kein zu alt, kein zu hässlich, keine zu erfüllende Norm, sie suchte nach dem Ausdruck dessen, was anders nicht zu vermitteln war. Das Leben als Ganzes, und damit die Eigenheiten und Erfahrungen der Tanzenden, hatte seinen Platz in ihrem Schaffen.

Welches übrigens auch von den beiden Mitguckern seit gestern abend hoch geschätzt wird. Es gab Szenen, die tief anrührten, mehrfach wurde der Wunsch geäußert, das ganze Stück zu sehen – die gezeigten Ausschnitte hatten große Neugier geweckt. Im nachfolgenden Gespräch fielen Worte wie „genial“ und „Gänsehaut“, Worte, die in diesem Kreis nicht leichtfertig Verwendung finden.

Pina Bausch wollte mit dem Tanz Wahrheiten ahnbar machen. Wim Wenders ist es gelungen, mit diesem Film Pina Bausch ahnbar zu machen. Großes Kino. Und nun hat der liebe Freund die undankbare Aufgabe, zum Thema „Ahnbar machen“ weiteres filmerisches Material zu finden. Wenigstens bleibt ihm dafür etwas Zeit – ist ja erstmal Urlaubspause.

Die kulinarische Begleitung: in dieser Jahreszeit bestechen die guten Aromen – häufig mehr als die Zubereitungsart. Zucchini mit Knoblauch, Rosmarin, Salz, und Pul Biber in etwas Olivenöl gedünstet, gewürfelte Fleischtomate dazu. Vermengt mit gekochtem Bulgur und Schafskäse, bestreut mit nochmal Schafskäse und im Ofen ein bisschen überbacken. Zum Nachtisch: Erdbeeren und Vanilleeis. Mehr braucht es gerade nicht. Finde ich.

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Mein Radiosender sendet 50 Jahre Rolling Stones. Üblicherweise dränge ich meinen Kindern nicht auf, zu den Mahlzeiten meine Musik hören zu müssen. Heute schon.

Den ganzen Tag Rolling Stones ist kein Problem für mich, dann noch die eine oder andere Coverversion, wie auch meinetwegen Melanie mit Ruby Tuesday. Oder Soloprojekte der Musiker. Nun ist schon mittlerer Nachmittag und es wird mir nicht langweilig. Ich glaube nicht, dass das bei vielen Musikern so funktionieren würde.

Das meiste ist bekannt oder klingt so, wie zum Beispiel Sweet Black Angel, offenbar für und über Angela Davis. Begleitet wird die Musik von Information, Anekdoten, Tatsachen. Vieles weiß ich nicht – ich habe mich nie intensiv mit den Stones beschäftigt, sie waren einfach immer da.

Vor -zig Jahren war ich auf einem absolut enttäuschenden Konzert in Frankfurt im – damals noch – Waldstadion. Die alten Herren spielten uninspiriert, was der Musik an Esprit und Leben fehlte, wurde kompensiert durch einen Haufen Technik, Licht, Laser, Projektionen. Mit ein Grund für mich, die Liveauftritte alter Größen eher zu meiden. Oder mir von vornherein klarzumachen, dass ich hingehe, um sie mal noch gesehen zu haben.

Dann kann es in Ordnung sein (Bob Dylan, kein Lied auf Anhieb erkannt, weil er jedes – gar nicht uninteressant – als Rockabilly-Stück arrangiert hatte; wir verließen die Waldbühne vor Anbruch der Dunkelheit, und nicht etwa, weil wir bereits vor Ende des Konzerts gegangen wären) oder eine positive Überraschung. Wie das Leonard Cohen-Konzert vor zwei Jahren.

Für einen Auftritt der Stones würde ich kein Geld mehr hinlegen – die sterben eh nie. Aber einen ganzen Tag ihre Songs hören – das ist mehr als in Ordnung.

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Da hatte ich doch letzthin das wirklich nette Fußballschauerlebnis in einem Café im Kiez und daher möchte ich gar nicht wirklich meckern. Oder doch. Ich glaube, ich bin einfach gerade in Meckerlaune. Und das Wetter hilft da nicht, kann ich Ihnen sagen. Auch wenn es mit diesem Thema gar nichts zu tun hat.

Seit zwei Jahren lebe ich in Charlottenburg und vieles gefällt mir gut. Es gibt Erleichterungen gegenüber dem vorherigen Wohnort Moabit, aber mal von Rogatzki abgesehen, nichts, was es dort nicht auch gab, das meiste nur näher. Die Filme, die in den fußläufigen Kinos gezeigt werden, sind aktueller als das Programm vom Filmrauschpalast. Dafür konnte ich dort die Filme sehen, die ich verpasst hatte. Es gibt mehr gute Bäcker um die Ecke und einen echten Metzger, der schnell mit dem Fahrrad zu erreichen ist.

Auf der Gegenseite: ich habe bis heute nichts gefunden, der mir den Laden von Ali ersetzen könnte. Und irgendwie steckt im Wohnen in Moabit mehr Herzblut, mehr Faszination. Weil alles Schöne nicht so selbstverständlich ist, weil es mehr zu entdecken gibt, weil die Welten der Bewohner unterschiedliche sind, weil Entwicklung möglich und spürbar ist.

Charlottenburg hat bei aller guten Lebensart etwas Übersättigtes, ein Hauch von Selbstgerechtigkeit liegt in der Luft. Es hat geschafft zu sein, wie es ist. Und das ist auch gut so. Punkt.

Leicht nervig ist da das Gebaren lokaler Aktivisten in der ansässigen Biobäckerei, die lauthals und Aufmerksamkeit heischend in gewichtiger Haltung alle, aber auch wirklich alle, Umsitzenden an ihren nicht unbedingt vom Hocker reißenden Einsichten zum Weltgeschehen teilhaben lassen und ansonsten beim Meeting alle freien Plätze mit ihren Utensilien belegen. Als gäbe es nur sie.

Dann ist da der Wirt eines beliebten italienischen Restaurants, der deutlich macht, welche Gäste genehm sind und welche nicht. Letzteren bringt man den Weinkühler nur auf Aufforderung, man übersieht ihre leergegessenen Teller, da man vertieft ist ins Pläuschchen mit dem Stammpublikum. Es wird nicht so ganz klar, an was es liegt, ob man in diese oder diese Kategorie fällt.

Der Gastgeber als Alleinherrscher, der bestimmt, wen er da haben möchte und wen nicht. Mein Ehrgeiz, sein Wohlwollen zu erringen, in die Riege der Stammgäste aufgenommen zu werden, hält sich in Grenzen. Ich finde diese Authentizität keine Spur charmant, sondern unverschämt und erwarte schlicht, das wirklich sehr gute Essen genießen zu können und dabei genauso behandelt zu werden, wie die Leute am Tisch nebendran – im Idealfall freundlich, kompetent und unaufdringlich. Ich weiß nicht, ob ich dort nochmal – der Qualität der Speisen angemessen – viel Geld lassen möchte.

Wenigstens dieser Entscheidung bin ich enthoben beim Friseur gegenüber, der auf meine Terminanfrage sichtlich unangenehm berührt reagiert, mich im Satz unterbricht, sagt, er sei auf zwei Wochen ausgebucht und erst auf mein weiteres Bohren (wann wäre denn der nächste freie Termin?) erklärt, er sei nicht scharf auf weitere Kundschaft, er habe schon genug, ist bereits ausgelastet und mich damit zur Türe hinaus komplimentiert.

Nun gut, Sie könnten mir jetzt entgegenhalten, dass es eventuell nicht an Charlottenburg liegt, sondern an mir. Da wären Sie nicht der Erste. Dagegen spricht, dass mir das noch nie vorher passiert ist – bei keinem Friseur und auch sonst nirgendwo -, ich selbst keinen guten Grund finden kann, warum man sich mir gegenüber so verhält, bevor man mich kennengelernt hat und dass wirklich glaubwürdige und ehrliche Freunde mir noch keinen entsprechenden Hinweis zukommen lassen haben, wenn ich diese Erlebnisse berichte.

Ich glaube einfach, Charlottenburg oder zumindest Teile davon haben fertig. Es erinnert mich an das, was mir zwei Freunde unabhängig voneinander über Freiburg erzählt haben. Charlottenburg hat nicht auf die Zuwanderer aus dem Süden und aus Moabit gewartet, es braucht sie nicht, hat schon genug.

Dass es sich damit mal nicht täuscht. Ein bisschen frisches Blut tut manchmal gut. Alles andere ist Inzucht. Schauen Sie sich mal die Porträts der letzten Habsburger an.

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Als ich die U-Bahntreppen hinunterlief, war ich froh, dem intensiven Regenschauer zu entkommen und mein nur halbseitig zu verschließendes Plastikcape loszuwerden. Beim Herauskommen aus der U-Bahn konnte ich immerhin die Knöpfe am Hals offen und die Kapuze unten lassen – es regnete immer noch unablässig, aber weicher, weniger störend.

Viele Leute standen auf dem Weg zur Veranstaltung, versuchten Karten loszuwerden. Ob sie es geschafft haben? Ich bezweifle es, bei diesem Wetter. Kein Mitleid für die Schacherer, so es welche gab. Pech für diejenigen, die sich nicht den Tod holen wollten bei einem Open-Air-Konzert im Rahmen des Citadel Music Festivals an diesem graunassen Juniabend.

Nur wenige Künstler wären es wert, dass man sich ihretwegen den Tod holt, meine ich; auch nicht Lou Reed. Aber: das Wetter passt zu ihm und seiner Musik. Ein lauer Abend mit den hellen Lichtern der längsten Tage, das ist zu rund, zu gefällig, zu sehr Idylle. Lou Reed klang wie – Lou Reed. Nicht nur so wie man es erwartet, sondern so wie man ihn mag, wie ich ihn mag. Zeitlos, bedeutungsvoll, die Stimme ist erstaunlicherweise nicht alt geworden. Der, zu dem sie gehört, ist immerhin um die 70.

Ich war mit Freunden da, die ich nicht oft sehe. Auch das hat gut getan, die Stimmung war unaufgeregt, die Gespräche wie immer inspirierend, das Bedauern über die wieder einmal zu kurze gemeinsame Zeit aufrichtig. Nach knapp zwei Stunden war Schluss. Aber auch das hatte irgendwie seine Richtigkeit.

Lou Reed hat vieles erzählt – ausschließlich über die Musik, es gab kaum Ansprache ans Publikum, außer die zweimalge Vorstellung der Musiker, am Schluss sagt er: „Thank you for having us.“ Der Dank ist ganz auf meiner Seite. Mit den Freunden habe ich das Netz wieder ein bisschen enger, ein bisschen haltbarer gesponnen.

Die Feuchtigkeit wurde jetzt langsam zu kühl, die Vorstellung von heißem Tee, warmer Dusche und Sich-unter-eine Decke-Kuscheln wurde übermächtig. Mit mir auf dem Rückweg: viele grau- und langhaarige Männer und Frauen, ein paar Junge, alle sahen zufrieden aus, hatten bekommen, auf was sie sich gefreut hatten. Schön wars.

Und weil er es gestern nicht gespielt hat:

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Heute mal kein Fußball. Über die gestrigen Spiele mag ich nicht viele Worte verlieren. Der Geheimfavourit gegen die ausgeschiedenen Schweden 2:0. In der Tat liegt der Reiz einer solchen Fußballveranstaltung vielleicht gar nicht in der Qualität der Spiele. Zu viel Belohnung sorgt für zu viel Berechnung, effektiver Einsatz statt Spielfreude.

In manch dunklen Winkeln meines Halbbewussten regt sich hie und da auch ein böser Verdacht: abgekartetes Spiel. Wettbetrug. Against all Odds gibt gutes Geld. Ich meine: 2:0 gegen Schweden! Tschechien besiegt Russland! Aha. Ich hänge nicht gerne Verschwörungstheorien an. Ich glaube auch nicht an Kornkreise und Botschaften aus dem All.

Vorstellbar allerdings: eine Volksbelustigung, in der die ukrainische Mannschaft die englische bei einem eigentlich allseits bekannten und etablierten Spiel so verwirrt, dass sie nicht mehr weiß, was auf diesem grünen, großen Platz von ihr erwartet wird, ungewöhnlich und unglaublich inszeniert von intriganten Regierungen und der Deutschen Bank, damit die Leute so abgelenkt sind, dass sie sich nicht mit wirklich Wichtigem beschäftigen (der Aufwand wäre doch nicht nötig gewesen!)? Damit sie nicht merken, dass sich hier niemand um ein langfristige Lösung des Problems bemüht, weil die den eigenen Interessen und damit dem eigenen Bonus Wahlerfolg entgegensteht? Oder aber, dass die vermeintlichen Experten ebenfalls keine Ahnung haben, wie man verhindern kann, was hier passiert?

Letzthin habe ich an verschiedenen Orten und in unterschiedlich verächtlichem Ton verfasst gelesen, die Menschen beschäftigten sich lieber mit der Euro als mit dem Euro. Wen wundert es? Nicht nur ich kann nicht mal beurteilen, ob es sich um Dilettantismus oder Gier bei den handelnden Personen und Institutionen handelt. Oder um beides. Fußball verstehe ich wenigstens. Einigermaßen. Gestern wieder eher weniger.

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Bis vorgestern habe ich die Spiele dieses Turniers zu Hause geguckt, bei mir oder anderen, die mit der eigenen Mannschaft immer auch in wohlgeneigter Gesellschaft. Beim ersten Spiel waren es zwei Männer und fünf Frauen, zweitere bedeutend laut- und ausdruckstärker in ihren Kommentaren und Reaktionen und das ziemlich unabhängig von jeweiligen Grad an Spielverständnis. Gefühlsbetont, würde ich sagen.

Beim nächsten Mal waren wir zwei Frauen und zwei Männer, ich habe nicht nachgefragt, aber es schien wohl selbst für meinen Mann aushaltbar. Vermutlich sehe ich das nächste Spiel in ähnlicher Besetzung wie beim ersten Mal, aber eventuell ohne Männer: ein ‚zu hysterisch‘ klang als Kommentar irgendwo an. Zu laut, meinetwegen, auch zu nervig, ja, okay, aber hysterisch? Ich gewinne in letzter Zeit häufiger den Eindruck, dass Männer und Frauen vielleicht nicht fürs Zusammenleben geschaffen sind, mindestens aber nicht fürs gemeinsame Fußballgucken, jedenfalls nicht viele.

Was anderswo Hysterie heißt – und das nicht nur im Zusammenhang mit Fußballgucken -, ist für mich emotional, manchmal Begeisterung, manchmal auch Wut. Hysterie ist es nicht, würde aber die Sache tendenziell einfacher machen, denn mit Hysterie muss und kann man sich nicht auseinandersetzen, da hilft nur eine kräftige Ohrfeige oder ein Kübel kaltes Wasser. Und dann – was für ein wirkungsvolles Totschlagargument: wer ist schon gern ein hysterisches Weib?

Für Interessierte kann ich gerne mal eine Kostprobe in Hysterie – die ich zum Beispiel hochsteigen fühle, wenn mir unangenehmes Getier (zum Beispiel hier faszinierend eklig festgehalten) in nicht mehr geheure Nähe gerät – geben, um den Unterschied zu verdeutlichen. Wenn ich will, bekomme ich das sicher einigermaßen hin. Vielleicht nicht beim Fußballgucken. Da bin ich nicht hysterisch. Laut, nervig vielleicht für manchen, aufgeregt. Nicht hysterisch.

Nun kann ich da drüberstehen und sie labern für hysterisch halten lassen, was sie wollen. Aber lieber überlege ich mir nicht bei jeder Regung während so etwas Spannendem wie einem Fußballspiel, ob es nun stört oder nicht. Deshalb schaue ich lieber mit Frauen. Oder mit echten Kerlen, die auch mal ein bisschen Lautstärke, Aufregung, Jubel, nervöses Geplapper, Aufspringen und Geschrei ertragen können.

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Weit entfernt von hysterisch war gestern die Stimmung beim Public Viewing im Kiezcafe. Um viertel nach acht noch einen Platz vor der Leinwand ergattert, eine bunte Mischung mit und ohne Trikot und unvermeidlich schwarz-rot-goldnem Schnickschnack, keine bekennenden Dänemark-Fans, mehrere krachmachende Utensilien, ein Megaphon.

Kurz nach Anpfiff und den ersten Vorschußjubeln angesichts der vergebenen Torchancen der ersten Minuten kam eine Bewohnerin von oben drüber mit zwei Mädchen noch dazu, zur zweiten Halbzeit fanden auch von anderer abendlicher Zerstreuung Heimkehrende noch irgendwie ein Plätzchen, um den Rest zu sehen.

Der ältere Herr neben mir war nicht immer ganz bei der Sache, wies seine aufs Spiel konzentrierte Frau auf die Schönheit der Abendsonne auf den Dachgiebeln hin. Die beiden älteren Frauen mir gegenüber rätselten nach 15 Minuten, welches wohl das gegnerische Tor sei. Von Lars Bender hatten sie noch nie etwas gehört bis er in der 80. Minute das 2:1 erzielte. Macht nichts, sie hatten richtig Spaß.

Ich auch. Meine mir nicht sehr vertraute Begleitung war gelassen und ein wenig belustigt, ob meiner Aufregung, die jeden Ballverlust schlecht aushält. Er würde aber wohl wieder mit mir gucken gehen. Entweder legt er auf Contenance keinen Wert oder ich habe sie dieses Mal nicht verloren.

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Ich schaue das Spiel übrigens nicht nur alle zwei Jahre, sondern gehe gelegentlich auch mal zur Bundesliga ins Stadion. Und nein, ich besitze nichts, aber schon gar nichts, in Schwarz-Rot-Gold, auch keinen Fuchsschwanz für Fahrrad oder Überzieher für die Rückleuchte. Die deutsche Flagge ist nicht so mein Ding, die deutsche Nation nicht identitätsstiftend für mich. Aber ich will, dass die deutsche Mannschaft gewinnt, denn ich komme nun mal von hier.

Ich habe schon als Kind Fußball geguckt, und wunderbare Erinnerungen daran. Zu zugegebenermaßen immer nur internationalen Turnieren hat sich die ganze erweiterte Familie bei uns getroffen, wovon wahrscheinlich höchstens ein – männliches – Viertel genug davon verstand, um sich über die unqualifizierten, dafür aber höchst emotionalen Äußerungen der – weiblichen – Mehrheit aufzuregen.

Mein Vater kannte immer die Ergebnisse der Bundesligaspiele vom Wochenende, aber er ging nicht ins Stadion, war kein Sportschau-Afficionado und eigentlich war es ihm vollkommen egal, wer wann und wie gewann. Außer bei der deutschen Mannschaft – diesen Stümpern. War sie erfolgreich, dann oft erfreulich unverdient, hat sie verloren, war es nicht anders zu erwarten gewesen.

Ein eher ruhiger Typ mochte er das laute Geschrei bei den Familienabenden wahrscheinlich am wenigsten und hasste es, neben der Tante zu sitzen, die ihm nicht nur zu wenig vom Geschehen verstand, sondern ihn in spannenden Momenten immer in den Oberarm gebufft hat. Anderen Zuschauerinnen wird bis heute unterstellt, sich nur am Aussehen der Spieler ergötzt zu haben, ansonsten ebenfalls durch gänzliche Inkompetenz geglänzt zu haben.

Dabei stimmt das nicht. Ich zum Beispiel habe immer einen guten Torwart erkannt und zu schätzen gewusst. So wie Toni Schuhmacher. Und später Oliver Kahn. Das waren die guten. Torwarte. Die, die rausholen, wenn alle anderen es verpatzt haben. Sie sind meine Retter und die meines Herzens, sie bewahren mich und damit meine Mitgucker vor dem völligen Kontrollverlust in brisanten Situationen. Wenn sie das können, sehe ich auch gerne mal über die eine oder andere Entgleisung weg: der Torwart ist ein einsamer Wolf, das führt zwangsweise zu psychischen Defiziten, denke ich.

In und seit dieser Zeit habe ich mir noch einiges an Sachkenntnis angeeignet. Ich kenne die meisten Regeln, verstehe, was Abseits ist und habe irgendwann auch begriffen, dass es egal ist, wie die Jungs aussehen, ob sie Abitur haben oder ihre Frau betrügen. Selbst der Name ist nicht von Belang, wenn Bastian Schweinsteiger den Fußball spielt, den er spielt.

Das Interesse war mal stärker, mal schwächer ausgeprägt, aber klar ist: das Herz ist dabei, es möge keineswegs der Bessere gewinnen, sondern ‚meine‘ Mannschaft. Mir macht es nur Spaß einem Spiel zuzusehen, wenn ich auf der einen Seite stehe und der anderen die Pest die Niederlage an den Hals wünsche. Da ich hier lebe und aufgewachsen bin, liegt es nahe, bei einer Europa- oder Weltmeisterschaft für die deutsche Mannschaft zu sein, alles andere finde ich albern.

Ich schreie für sie, verwünsche ihre Gegner, bemühe dazu auch Stereotype und Klischees und rege mich auf bis zum Abpfiff. Dieses Jahr habe ich wieder einmal Glück, weil sie wirklich schönen Fußball spielen können, die Hummels, Lahms, Schweinsteigers (see!), Boatengs, Özils, Badstubers und Gomezes. Manuel Neuer gefällt bisher auch, doch seit dem Pokalfinale gegen den BVB lässt mich die Skepsis noch nicht ganz los. Vielleicht fehlt es noch an den psychischen Defiziten?

Wenn die unsrige Nationalelf nicht spielt, bin ich ein bisschen für Tschechien und für Irland – nicht zuletzt wegen meiner allerschönsten Fußballerlebnisse in Dublin bei der WM 1994 (kleine Anmerkung am Rand: ich habe gestern ausgeschaltet, ich habe die Demontage nicht ertragen – selten hat eine Mannschaft so verdient unverdient verloren). Dafür bin ich gegen Italien, die Niederlande (sieht ja schon mal gut aus) und England. Sowie gegen Nürnberg, Hansa Rostock und Schalke. Die Gründe: irrational bis ungerechtfertigt. Egal.

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Im Moment bin ich der Underdog der Familie. Oder das schwarze Schaf. Ich bin nämlich die Einzige, die Fußball guckt. Am meisten Interesse zeigt die kleine Tochter: „Wer sind die Roten?“ (die spanische Mannschaft) „Und die Blauen?“ (Die Italiener) „Und der Schwarze?“ (Casillas, der spanische Torwart) „Und wer ist der Gelbe?“ (Der Schiedsrichter) „Was macht der?“ (Der passt auf, dass alle nach den Regeln spielen)…“Was macht der Schiedsrichter nochmal?“…so viel wird immerhin schon mal klar an diesem komplexen Mannschaftsballspiel, die Rolle des Schiedsrichters.

Die große Tochter schaut mit mir aus Loyalität eine halbe Stunde Kroatien gegen Irland und versteht erstaunlich viel dafür, dass sie sich nie für Fußball gucken interessiert hat. Sie kommt zu dem Schluss, dass sie nicht Fußballerin sein wollte. Das finde ich so selbstverständlich, dass ich gar nicht nachfrage, wieso. Noch schlimmer findet sie aber Schiedsrichter sein zu müssen. (Was haben meine Kinder nur mit den Schiedsrichtern?) Ich stimme ihr zu. Zur Halbzeit geht sie ins Bett, ich könne ihr das Ergebnis ja morgen mitteilen.

Der geliebte Mann ist anstrengend. Vor allem zu Turnierzeiten. Es interessiert ihn nicht nur nicht, er hat auch kein Verständnis, warum es irgendjemand bei wachem Verstand interessieren könnte. Ähnlich wie Puzzle machen oder Kartenspielen.

Dazu hat er allerlei moralisch und ethisch Fragwürdiges zu berichten rings um ungebührliches Fanverhalten, die Zunahme nationalistischer Gesinnung bei solchen Veranstaltungen und Ähnliches, was ja nicht einfach so als unwichtig vom Tisch gewischt werden kann, zumal er sich selbst in diesem Zusammenhang nur selten dazu verleiten lässt, Unfundiertes von sich zu geben.

Aber in erster Linie regt mich sein absolutes emotionales Nichtbeteiligtsein auf – fast genauso wie der erneute Ballverlust im deutschen Angriff – und auch die Art, wie es ihn irritiert, wenn ich bei spannenden Situationen vor diesem oder jenem Tor – angeblich – die Contenance verliere. Oh Mann.

Da muss ich mich Sie doch mal fragen: In was für einer Familie lebe ich hier eigentlich?

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