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Archive for Juni 2012

Weit entfernt von hysterisch war gestern die Stimmung beim Public Viewing im Kiezcafe. Um viertel nach acht noch einen Platz vor der Leinwand ergattert, eine bunte Mischung mit und ohne Trikot und unvermeidlich schwarz-rot-goldnem Schnickschnack, keine bekennenden Dänemark-Fans, mehrere krachmachende Utensilien, ein Megaphon.

Kurz nach Anpfiff und den ersten Vorschußjubeln angesichts der vergebenen Torchancen der ersten Minuten kam eine Bewohnerin von oben drüber mit zwei Mädchen noch dazu, zur zweiten Halbzeit fanden auch von anderer abendlicher Zerstreuung Heimkehrende noch irgendwie ein Plätzchen, um den Rest zu sehen.

Der ältere Herr neben mir war nicht immer ganz bei der Sache, wies seine aufs Spiel konzentrierte Frau auf die Schönheit der Abendsonne auf den Dachgiebeln hin. Die beiden älteren Frauen mir gegenüber rätselten nach 15 Minuten, welches wohl das gegnerische Tor sei. Von Lars Bender hatten sie noch nie etwas gehört bis er in der 80. Minute das 2:1 erzielte. Macht nichts, sie hatten richtig Spaß.

Ich auch. Meine mir nicht sehr vertraute Begleitung war gelassen und ein wenig belustigt, ob meiner Aufregung, die jeden Ballverlust schlecht aushält. Er würde aber wohl wieder mit mir gucken gehen. Entweder legt er auf Contenance keinen Wert oder ich habe sie dieses Mal nicht verloren.

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Ich schaue das Spiel übrigens nicht nur alle zwei Jahre, sondern gehe gelegentlich auch mal zur Bundesliga ins Stadion. Und nein, ich besitze nichts, aber schon gar nichts, in Schwarz-Rot-Gold, auch keinen Fuchsschwanz für Fahrrad oder Überzieher für die Rückleuchte. Die deutsche Flagge ist nicht so mein Ding, die deutsche Nation nicht identitätsstiftend für mich. Aber ich will, dass die deutsche Mannschaft gewinnt, denn ich komme nun mal von hier.

Ich habe schon als Kind Fußball geguckt, und wunderbare Erinnerungen daran. Zu zugegebenermaßen immer nur internationalen Turnieren hat sich die ganze erweiterte Familie bei uns getroffen, wovon wahrscheinlich höchstens ein – männliches – Viertel genug davon verstand, um sich über die unqualifizierten, dafür aber höchst emotionalen Äußerungen der – weiblichen – Mehrheit aufzuregen.

Mein Vater kannte immer die Ergebnisse der Bundesligaspiele vom Wochenende, aber er ging nicht ins Stadion, war kein Sportschau-Afficionado und eigentlich war es ihm vollkommen egal, wer wann und wie gewann. Außer bei der deutschen Mannschaft – diesen Stümpern. War sie erfolgreich, dann oft erfreulich unverdient, hat sie verloren, war es nicht anders zu erwarten gewesen.

Ein eher ruhiger Typ mochte er das laute Geschrei bei den Familienabenden wahrscheinlich am wenigsten und hasste es, neben der Tante zu sitzen, die ihm nicht nur zu wenig vom Geschehen verstand, sondern ihn in spannenden Momenten immer in den Oberarm gebufft hat. Anderen Zuschauerinnen wird bis heute unterstellt, sich nur am Aussehen der Spieler ergötzt zu haben, ansonsten ebenfalls durch gänzliche Inkompetenz geglänzt zu haben.

Dabei stimmt das nicht. Ich zum Beispiel habe immer einen guten Torwart erkannt und zu schätzen gewusst. So wie Toni Schuhmacher. Und später Oliver Kahn. Das waren die guten. Torwarte. Die, die rausholen, wenn alle anderen es verpatzt haben. Sie sind meine Retter und die meines Herzens, sie bewahren mich und damit meine Mitgucker vor dem völligen Kontrollverlust in brisanten Situationen. Wenn sie das können, sehe ich auch gerne mal über die eine oder andere Entgleisung weg: der Torwart ist ein einsamer Wolf, das führt zwangsweise zu psychischen Defiziten, denke ich.

In und seit dieser Zeit habe ich mir noch einiges an Sachkenntnis angeeignet. Ich kenne die meisten Regeln, verstehe, was Abseits ist und habe irgendwann auch begriffen, dass es egal ist, wie die Jungs aussehen, ob sie Abitur haben oder ihre Frau betrügen. Selbst der Name ist nicht von Belang, wenn Bastian Schweinsteiger den Fußball spielt, den er spielt.

Das Interesse war mal stärker, mal schwächer ausgeprägt, aber klar ist: das Herz ist dabei, es möge keineswegs der Bessere gewinnen, sondern ‚meine‘ Mannschaft. Mir macht es nur Spaß einem Spiel zuzusehen, wenn ich auf der einen Seite stehe und der anderen die Pest die Niederlage an den Hals wünsche. Da ich hier lebe und aufgewachsen bin, liegt es nahe, bei einer Europa- oder Weltmeisterschaft für die deutsche Mannschaft zu sein, alles andere finde ich albern.

Ich schreie für sie, verwünsche ihre Gegner, bemühe dazu auch Stereotype und Klischees und rege mich auf bis zum Abpfiff. Dieses Jahr habe ich wieder einmal Glück, weil sie wirklich schönen Fußball spielen können, die Hummels, Lahms, Schweinsteigers (see!), Boatengs, Özils, Badstubers und Gomezes. Manuel Neuer gefällt bisher auch, doch seit dem Pokalfinale gegen den BVB lässt mich die Skepsis noch nicht ganz los. Vielleicht fehlt es noch an den psychischen Defiziten?

Wenn die unsrige Nationalelf nicht spielt, bin ich ein bisschen für Tschechien und für Irland – nicht zuletzt wegen meiner allerschönsten Fußballerlebnisse in Dublin bei der WM 1994 (kleine Anmerkung am Rand: ich habe gestern ausgeschaltet, ich habe die Demontage nicht ertragen – selten hat eine Mannschaft so verdient unverdient verloren). Dafür bin ich gegen Italien, die Niederlande (sieht ja schon mal gut aus) und England. Sowie gegen Nürnberg, Hansa Rostock und Schalke. Die Gründe: irrational bis ungerechtfertigt. Egal.

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Im Moment bin ich der Underdog der Familie. Oder das schwarze Schaf. Ich bin nämlich die Einzige, die Fußball guckt. Am meisten Interesse zeigt die kleine Tochter: „Wer sind die Roten?“ (die spanische Mannschaft) „Und die Blauen?“ (Die Italiener) „Und der Schwarze?“ (Casillas, der spanische Torwart) „Und wer ist der Gelbe?“ (Der Schiedsrichter) „Was macht der?“ (Der passt auf, dass alle nach den Regeln spielen)…“Was macht der Schiedsrichter nochmal?“…so viel wird immerhin schon mal klar an diesem komplexen Mannschaftsballspiel, die Rolle des Schiedsrichters.

Die große Tochter schaut mit mir aus Loyalität eine halbe Stunde Kroatien gegen Irland und versteht erstaunlich viel dafür, dass sie sich nie für Fußball gucken interessiert hat. Sie kommt zu dem Schluss, dass sie nicht Fußballerin sein wollte. Das finde ich so selbstverständlich, dass ich gar nicht nachfrage, wieso. Noch schlimmer findet sie aber Schiedsrichter sein zu müssen. (Was haben meine Kinder nur mit den Schiedsrichtern?) Ich stimme ihr zu. Zur Halbzeit geht sie ins Bett, ich könne ihr das Ergebnis ja morgen mitteilen.

Der geliebte Mann ist anstrengend. Vor allem zu Turnierzeiten. Es interessiert ihn nicht nur nicht, er hat auch kein Verständnis, warum es irgendjemand bei wachem Verstand interessieren könnte. Ähnlich wie Puzzle machen oder Kartenspielen.

Dazu hat er allerlei moralisch und ethisch Fragwürdiges zu berichten rings um ungebührliches Fanverhalten, die Zunahme nationalistischer Gesinnung bei solchen Veranstaltungen und Ähnliches, was ja nicht einfach so als unwichtig vom Tisch gewischt werden kann, zumal er sich selbst in diesem Zusammenhang nur selten dazu verleiten lässt, Unfundiertes von sich zu geben.

Aber in erster Linie regt mich sein absolutes emotionales Nichtbeteiligtsein auf – fast genauso wie der erneute Ballverlust im deutschen Angriff – und auch die Art, wie es ihn irritiert, wenn ich bei spannenden Situationen vor diesem oder jenem Tor – angeblich – die Contenance verliere. Oh Mann.

Da muss ich mich Sie doch mal fragen: In was für einer Familie lebe ich hier eigentlich?

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