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Archive for Oktober 2015

Der liebe Freund und ich haben das Thema ähnlich interpretiert, wenn auch anhand unterschiedlicher Genres. Bei uns beiden geht es um den Aufbruch aus unaushaltbaren Zuständen und Milieus, um drastische Eskalationen als Auslöser und um Frauen als zentrale Figuren, die den Aufbruch wagen.

When Animals Dream erzählt von einer jungen Frau in einem provinziellen Umfeld, die von derselben „Krankheit“ befallen ist wie es schon ihre mittlerweile ruhig gestellte Mutter war. Mit seinen dem Horrorgenre entlehnten Elementen ist es in den Augen des lieben Freundes ebenso wie in meinen eine vielschichtige Allegorie – auf die Einschränkungen des Anderen, von der Norm Abweichenden durch eine etablierte Regelhaftigkeit, in diesem Fall durch Traditionen und ungeschriebene Gesetze der lange bestehenden Gemeinschaft ohne nennenswerte äußere Einflüsse, aber ebenso auf die Abwehr der neu erwachten weiblichen Sexualität, die in ihrer ungebändigten, freien Form einem restriktiven, patriarchal geprägten Milieu Angst macht, und auch auf die Ängste und starken Emotionen, die die Pubertät und die einhergehende Veränderung in Körper udn Seele im eigenen Inneren verursacht. Das muss man mögen und wie sich schon bei The Company of Wolves zeigte, ist es das Ding des geliebten Mannes nicht. Überhaupt nicht.

In der folgenden Woche war der Konsens wieder größer. Ich hatte das Motto ausgesucht, weil ich seit langem einen Film zeigen wollte, der mich vor fast zwanzig Jahren ungeheuer beeindruckt, aber auch emotional so mitgenommen hatte, dass ich mich lange nicht mehr an ihn ran traute. Once Were Warriors von Lee Tamahori schildert tief berührend ein städtisches Maori-Milieu am sozialen Rand, geprägt von sozialem Wohnungsbau, Alkoholmissbrauch und unkontrollierten Gewaltausbrüchen, in dem die Protagonisten mehr oder weniger perspektivlos gefangen sind.

Für beide Männer war der Film von 1994 neu, beide fanden ihn gut. Übereinstimmend stellten wir fest, dass wir wenig bis keine Ahnung vom Leben der Maori haben, wobei ich nicht glaube, dass es zum grundsätzlichen Verständnis des Films notwendig ist, er funktioniert auch ohne Hintergrundwissen. Ich befand ihn auch dieses Mal als äußerst sehenswert, obwohl er mir ein wenig schablonenhafter – vor allem in der Gegenüberstellung des desolaten städtischen Milieus mit dem Positiv einer traditionell orientierten, außerstädtischen Maori-Gemeinschaft – vorkam. Eher nachdenklich stimmt mich die Tatsache, dass ich mit der Gewalt im Film deutlich weniger Probleme hatte als vor 20 Jahren: die explizite Darstellung hielt ich damals wie heute für notwendig, damit der Film funktioniert. Aber meine Sehgewohnheiten scheinen sich dahingehend verändert zu haben, dass mich die Darstellung heute weit weniger berührt und entsetzt; sie scheint für das Medium zur Norm geworden zu sein.

Und gestern hat nun der Mann ein echtes Schätzchen gezeigt. Ich kann mir nicht erklären, warum Cheyenne – This Must be the Place mit einem grandiosen Sean Penn als gewesener Popstar amerikanisch-jüdischer Herkunft so vollkommen an mir vorbeigegangen ist, als er vor drei, vier Jahren ins Kino kam. Ich habe gestern abend Dialoge gehört, die zum Besten gehören, was mir seit Jahren im Kino untergekommen ist, gespickt mit wunderbaren Weisheiten und Witz, beeindruckende Bilder gesehen, die mich wünschen ließen, den Film nochmal auf großer Leinwand sehen zu dürfen, mich in Sean Penn verliebt.

Ich habe nichts erwartet und Großartiges bekommen – da könnte es aber auch einen Zusammenhang geben. Ich muss den Film nochmal anschauen, um zu entscheiden, ob wirklich unter den ersten Zwanzig besteht, und ich freue mich darauf. Man muss das sehr Skurrile mögen, man muss sich einlassen können aufs Absurde, so wie sich die Menschen auf dem Weg auf den exaltierten Cheyenne einlassen müssen. Dann bietet sich einem viel zu lachen sowie ein insgesamt sehr erfreuliches cineastisches Erlebnis.

Mal sehen, was die nächsten sein werden, wenn wir nach Herrn Nils Klims Vorgabe „Dysfunktionale Familie“ gucken.

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Stadtspaziergang möchte sie gerne einen machen, sagte eine der Besten, denn ihr Liebster läuft lieber in der Natur. Sie drückt mir ein entsprechendes Buch in die Hand und sagt: „Such aus. Nicht Mitte, Friedrichshain oder Kreuzberg, da bin ich durch.“ Letztendlich entscheide ich mich nicht, sondern stelle sie vor die Wahl. Britz oder Wilhelmsaue. Da bin ich quasi nie. Interessen-Renaissance für das ganz alte, mir unbekannte Westberlin.

Sie wählt Wilmersdorf. Auf dem Weg vom Fehrbelliner Platz zur Berliner Straße stelle ich fest, das stimmt so nicht, ich bin gar nicht so selten in der Ecke, zumindest liegt sie von Charlottenburg aus – auch ziemlich Westberlin – immer mal wieder auf dem Weg. Eine der Besten kommt hier praktisch nie her. Sie findet das alles neu und interessant, die komischen kleinen Läden, das Altbackene, die mehr oder minder leichte Verstaubtheit, die sie hier vorfindet.

Was uns beiden unbekannt ist und gefällt: die Ruhe, die Dörflichkeit der Wilhelmsaue. Eine kleine Oase. Zum Luftholen in der großen Stadt. Der Volkspark Wilmersdorf gibt doch noch mal so einen Anschein von Natur, Herbst ist schon schön.

Noch schöner ist für mich die Zeit mit ihr. Die Gespräche, das Lachen, das Hin und Her der Gedanken, vom Hölzchen zum Stöckchen, die Vertrautheit, die nie in Routine erstarrt ist oder an der Oberfläche vertuscht, dass man gar nicht mehr viel gemeinsam hat. Wo wir laufen, ist fast egal, vielleicht auch ganz.

Auf dem Weg nach Hause fühle ich mich froh und zufrieden. Glücklich. Darüber so eine und noch zwei, drei andere solche der Besten zu kennen. Und darüber, meinen Sonntag so sinnvoll verbracht zu haben.

PS: Auch wenn die Umwelt zweitrangig war: zum inneren Erleben bot das kleine Zimt und Zucker Wohncafe den würdigen Rahmen: ein kuschliger Ort zum Kaffeeklatschen, Kuchenessen, Zeitunglesen, vertraute Gespräche genießen, in Ruhe gelassen werden. Name und äußerer Anschein wirken auf mich gewollt, die gemütliche Atmosphäre, die Qualität von Kuchen, Kaffee und Tee und der freundlich-zuvorkommende Service sind dann allerdings echt.

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Afghanistan ist sicher, weil, wir verhandeln ja jetzt wieder mit den Taliban, die als so böse galten, dass das Mittel des Kriegseinsatzes mit all seinen Risiken für die Zivilbevölkerung als angemessen betrachtet wurde, obwohl es ja auch früher schon eine Zeit gab, in der die Taliban von westlichen Machtbündnissen unterstützt und aufgebaut wurden, weil, die Russen, die waren halt noch böser, usw. oder so ähnlich…

Aber da wir das mit den Flüchtlingen ja schaffen, schaffen wir jetzt einfach die Gründe für Asyl ab, indem wir die ganze Welt zu sicheren Herkunftsländern erklären. Dann schaffen wir das nämlich locker. Afghanistan erscheint mir nicht als sicher. Vor allem nicht sicher für Frauen, und gar nicht sicher für Menschen, die im Land für westliche militärische oder sonstige Einrichtungen, zum Beispiel die Bundeswehr, gearbeitet haben. Aber egal, was kratzt das uns. Wir wollen sie jedenfalls nicht bei uns, deshalb vereinbaren wir mit der dortigen Regierung, dass sie die Leute wieder zurücknehmen. Retourenmanagement souzusagen.

Einen kurzen Moment dachte ich, bei der deutschen Kanzlerin einen Funken Menschlichkeit aufblitzen gesehen zu haben. Aber husch, schon vorbei. Aber so was von. Wie dumm von mir, daran geglaubt zu haben.

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Manchmal bin ich hin und weg davon, wie unterschiedlich ich und meine beiden Mitgucker ein Motto interpretieren und in welchen Filmen das zum Ausdruck kommt.

Der Mann zeigt Die Strategie der Schnecke (La estrategia del caracol), eine wunderbare kolumbianisch-italienisch-französisch koproduzierte Geschichte in der Tradition des magischen Realismus. Ein skrupelloser Investor agiert – offenbar unterstützt von Politik und Exekutive – in Bogota nach dem Recht des Stärkeren, in dem Fall ‚Reichen‘, wird dann aber von den findigen Bewohnern eines alten Hauses auf höchst kreative Weise überlistet. Ein Film voller Witz, Charme und politischer Weisheit.

Von mir kommt Body Heat, ein zu Unrecht in Vergessenheit geratener Krimi von Lawrence Kasdan. Höchst wirkungsvoll setzt eine sehr heiße Kathleen Turner all das ein, was das „schwache Geschlecht“ ausmacht, um am Ende die Einzige zu sein, die alles im Griff hat. Zum blonden Gift Turner spielt ein überzeugender William Hurt den Winkeladvokaten, es gibt viel schwüle Atmosphäre, viel Anlehnung an den Film Noir. Kann man gut sehen.

Und zu guter Letzt kredenzt der liebe Freund den SciFi-Banausen einmal wieder eine beklemmende Dystopie: Snowpiercer beruht auf der Vorlage eines französischen Comics. Der Rest der Menschheit befindet sich in einem Zug, der im Jahresrhythmus die durch Menscheneinfluss völlig vereiste, unbewohnbare Erde umfährt; die Reichen und Schönen mit dem Erste-Klasse-Ticket schwelgen im vorderen Zugteil im Luxus, im hinteren Teil starten die Noch-Aufgesprungenen, völlig eingeengt gehalten als menschliche Nutzwesen, genährt durch Proteinblöcke, gelenkt mit Polizeigewalt und Terrormaßnahmen, die Revolution. Die anders endet als von den meisten Protagonisten erwartet, wobei die Erwartungen durchaus unterschiedlicher Art sind.
Nicht ganz ‚my cup of tea‘, aber sehr spannend, keine/r ist eingeschlafen, dafür war die Spannung zu hoch. Dennoch haben bei mir andere sozusagen pädagogische Maßnahmen des lieben Freundes mehr Eindruck hinterlassen, so zum Beispiel Blade Runner oder 12 Monkeys. Aber ich freue mich sehr über die Gelegenheit, die der Filmabend mir bietet, auch mal Genres und Werke zu sehen, die ich mir nicht aus Eigeninitiative ansehen würde.

Die kleine Tochter hat das nächste Motto gezogen, wieder einmal eines der meinen: „Aufbruch“. Da gibt es was, ich bin ganz sicher.

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Diese Leute

Andere sagen es manchmal mindestens genauso gut. Lakritze ziemlich oft.

normalverteilt

Diese Leute denken nicht von zwölf bis Mittag, aber die Weisheit mit Löffeln gefressen oder was, sitzen da auf ihrem Platz in der Welt und denken, oder nein, denken nicht, müssen die nicht, wissen, daß das so ist und bleibt und von Ewigkeit zu Ewigkeit und so weiter, sitzen im gemachten Nest aus Meinungen und Maßstäben, alles schön klar: so ist’s richtig, so ist’s falsch, richtig: Sonderangebote, Auto waschen, Rasen mit Petunienrand, falsch: Schwule, Asylrecht, Loch in der Hecke, sitzen zu Gericht über den Rest der Welt, die Nachbarn, die Familie, die Politiker, die Ausländer, die da oben und die Assos, sitzen zu Gericht, wissen alles besser: die müssen doch nur, da sollte mal einer drein-, schlagen, überhaupt: Schläge, immer probates Mittel, haben noch nie geschadet, und da sitzen sie dann, kleinkreditwürdig, sparfuchsig, selbstgerecht, diese Leute, die da sitzen und keinem gönnen, keinen gelten lassen, diese Leute, die nur sehen…

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