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Archive for März 2016

Kapitel Eins

„Ja“, meint M., der schon eine Weile hier ist, „wir leben nicht frei in unserem Land. Aber viele leben trotzdem gut, vor allem die Männer. Und nicht jedem liegt das Leben hier: dort hast Du immer jemand um Dich, Du bist quasi nie allein. Hier immer. Das lässt sich oft schwer ertragen. Die Frage ist, warum Du weggehst: weil Du dort nicht mehr sein kannst, oder weil Du denkst, woanders ist es besser. Es werden einige zurückkehren.“

Kapitel Zwei

„Ich möchte zurück“, erklärt der junge Mann, der im Büro steht. „Warum?“ „Ich habe dort, wo ich herkomme, ein Haus, ein Auto, einen kleinen Laden. Ich lebe dort nicht schlecht.“ Naja, denkst Du, dann sehen wir mal zu, wie wir ihm dabei helfen können, auf schnellstem Weg wieder in seine Heimat zu gelangen. Ein paar Stunden später steht er mit einem Wachmann in der Tür, einem Wachmann, der vor längerer Zeit aus demselben Land geflohen ist. „Jetzt erzähl‘ mal, wirklich“, sagt der Wachmann. Und langsam, von Tränen unterbrochen, entsteht die ganz andere Geschichte: von Grausamkeit, Angst und Verfolgung. Von der Familie, der Frau, den Kindern, den Eltern, die jetzt aus der unmittelbaren Gefahrenzone gebracht wurden und in einer Ruine hausen – ohne fließend Wasser, ohne Strom. Wovon sie leben? Wer weiß. Wie lange sie überleben? Kann keiner sagen.
Er hat nichts mehr, der junge Mann, die Idee war, der Kräftigste wagt den langen Weg, um dann die Schwächeren sicher und schnell nachzuholen. Er dreht durch vor Sorge und schnell und sicher geht hier gar nichts. Er will zurück, weil er denkt, ihnen so vielleicht besser beistehen zu können. Oder wenigstens mit ihnen zusammen zu sterben. Auch der Wachmann hat Tränen in den Augen.

Kapitel Drei

Die Sirenen heulen. Der Krankenwagen ist auf dem Weg, jemand hat sich die Hände aufgeschnitten, überall im Bad ist Blut. Er wird mitgenommen, hält es in der Psychiatrie nicht aus und dort auch nicht. Er läuft ihnen weg, kommt zurück, will nirgends richtig bleiben. Was ist los? Worum geht es? Er will zurück in den Krieg, dort ist seine Frau, dort ist seine Familie. Mittendrin.
Er hat nicht viel überlegt, was er sich von der Flucht erhofft. Eigentlich wollte er dort bleiben, aber das ist unmöglich. Hier ist es auch unmöglich, er wird immer wieder behandelt wie Dreck, ohne Respekt, „es gibt keine Ehre“, sagt er: nicht in seinem Land, aber auch nicht beim Anstehen in den Behörden, nicht in der vorherigen Unterkunft, in der keiner ist, den man ansprechen kann, der sich kümmert, in der er von der Security gedemütigt und sogar geschlagen wird. Von Unterstützung ist keine Rede, bei dem, von dem er selbst nicht wirklich weiß, was es ist.
Aber nicht einmal dabei, wieder in der Krieg zurückzukehren, hilft ihm jemand. „Dorthin führen wir niemand zurück, das geht nicht.“ Außerdem haben sie seinen Pass, wer weiß, wo er abgeblieben ist, interessiert auch keinen. Nicht beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, nicht bei der Ausländerbehörde, nirgendwo anders. Keiner ist zuständig und keinen interessiert’s.
Uns schon, mich schon. Ich sichere ihm zu, dass wir ihm helfen, auch wenn es mir das Herz bricht, ihn in den Krieg zurückgehen zu sehen. Ich versuche zu vermitteln, dass er sich nicht verletzen muss, um Unterstützung zu bekommen. Er nickt, lächelt und ich denke, jetzt bekommt er endlich, was er braucht, die Hilfestellung im fremden Land um das, was er entschieden hat, umsetzen zu können, ein normaler, freundlicher Umgang unter Gleichen. Er hat sich bereits ein Flugticket nach Griechenland besorgt, um den umgekehrten Weg zu nehmen. Man hat ihm erzählt, man würde seinesgleichen so gerne schnell wieder loswerden, dass man ihn auch ohne gültige Ausweispapiere ins Flugzeug steigen lässt. Wir sind skeptisch, hoffen eigentlich, dass die Menschenverachtung nicht so weit geht, man wird sehen.
Am darauffolgenden Abend kommen wieder die Sirenen. Er hat sich erneut in die Hände geschnitten, dieses Mal tiefer. So einfach ist es nicht. Nichts ist einfach, gar nichts.

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Es wäre so schön, wenn Du noch da wärst. Nicht nur ich vermisse Dich.

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Was für ein düsteres Thema. Und ja, Schenkelklopfer waren da eher nicht dabei.

Den ungewöhnlichsten Beitrag hat der geliebte Mann gezeigt mit Morituri (ich glaube zum ersten Mal: der IMDB – Eintrag gibt hier nichts her). Es handelt sich nicht um einen in Vergessenheit geratenen Sandalenfilm, sondern um den Beginn einer Aufarbeitung der 1948 gerade vergangenen deutschen Geschichte – ob in Vergessenheit geraten oder einfach nur mir gänzlich unbekannt, weiß ich nicht. Für beides gibt es keinen guten Grund, denn der Film ist nicht allein durch seine Handlung, sondern auch in seiner Machart äußerst sehenswert. Die Idee dazu hatte Artur Brauner, der die Naziherrschaft im Untergrund und durch Flucht überlebt hat, und er hat ihn letztendlich auch produziert – unter widrigen Umständen und ohne finanziellen Erfolg, wie ebenfalls im Wikipedia-Beitrag nachzulesen ist.

Ich habe tatsächlich, wie schon Lakritze angemerkt hat, es als offensichtlich empfunden, zu diesem Motto Dead Man zu zeigen, ein weiterer höchst geschätzter Film eines meiner Helden. Aber ich kann nichts dazu sagen, ich bin kurz nach dem Aufeinandertreffen von William Blake und Nobody eingeschlafen und erst zum Showdown wieder aufgewacht. Das fand ich ausnehmend ärgerlich und ich spiele mit dem Gedanken, den lieben Freund zu fragen, ob er den Film in seiner umfangreichen Filmothek besitzt und mir zum Nachsitzen leiht. Dann könnte ich auch gleich das große Kind dazu verdonnern, den mit mir zu sehen….

Und zu guter Letzt kam auch noch der Film Noir zu seinem Recht, wenn auch nicht in der von Chris Kurbjuhn vorgeschlagenen Form (ist aber vermerkt). Der liebe Freund zeigte Sorry, Wrong Number, eine nervenzerreißende Hinführung auf ein mich für amerikanische Filme und schon gleich gar jener Zeit ungewöhnlich anmutendes Ende, mit einer bemerkenswerten Schauspielleistung von Barbara Stanwyck und einem atemberaubend attraktiven Burt Lancaster. Es wird klar durch diese Worte: vom US-amerikanischen Film Noir der 40er und 50er habe ich keine Ahnung. Ich bin begeistern und jetzt gerne mehr davon!

Das kommende Motto „Der Weg ist das Ziel“ führt tendentiell allerdings eher zu einem anderen Genre, würde ich vermuten.

 

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„Der zweite war jetzt aber auch ein ganz Netter,“ sagt der – zugegebenermaßen auch nette – Fotograf, der im Büro versucht, typische Bilder für die Webseite einzufangen, ein bisschen verwundert. „Das sind hier viele,“ sage ich, „deshalb arbeite ich so gerne hier.“ In der Flüchtlingsnotunterkunft, einer Turnhalle mit 200 Männern aus verschiedenen Teilen der Welt. „Naja, von draußen denken halt viele, die schlagen sich in den Massenunterkünften alle immer nur die Köpfe ein“, sagt er. „Wenn sie 3 bis 4 Monate in diesen Verhältnissen leben müssen, schlagen unter Umständen auch die Netten mal zu.“ „Ja, das muss jeden an seine Grenzen bringen.“

M., dessen Angelegenheit ich mich erst ein, zwei Wochen später angenommen habe, weil sie im täglichen Betrieb hinten runtergerutscht ist, denkt, dass es die Regierung des Landes, aus dem er kommt, einigermaßen mit Befriedigung erfüllt zu erfahren, was die eigenen Leute in der Fremde so an Schlechtem erleben. „But this camp is a good one. It’s not about the papers that is really important, it is how people are dealt with. Friendly, with respect.“ Ich wüsste nicht, mit welcher Begründung wir das anders machen sollten, halte es für selbstverständlich. Er sagt, das ist es nicht.

G. kommt ins Büro, einen handbeschriebenen Zettel in der Hand. Er möchte so gern endlich arbeiten. Als Bäcker, denn das ist „sein Hobby, seine Erfahrung. Es ist, was ich möchte arbeiten, bitte.“ Eigentlich darf er das noch nicht, aber er bewirbt sich und bietet sich zum Probearbeiten an. Damit er gleich loslegen kann, sobald der Status es erlaubt. Es ist fraglich, ob das jemals der Fall sein wird.

Mir gegenüber sitzt L. mit einer Vorladung wegen Dublin III. Er ist vor Jahren vor dem ewigen, noch heute andauernden Krieg aus seiner Heimat geflohen, ist durch Europa gezogen, hat in Italien, England, Norwegen gelebt, mal hier mal dort, meist auf jeden Fall illegal. Legal in Italien. „Documents are not a problem in Italia. But living is. A place to sleep, a job, food. Sleep on the streets. No chance of getting work. This is no life.“ Ich schaue ihn an und weiß, das stimmt. Ich organisiere für ihn eine Beratung, aber Hoffnung habe ich keine. „Is no problem. They’ll send me back to Italia, eh?“ Glücklicherweise ist er schon draußen, als mir die Tränen in die Augen steigen.

Der Deutschlehrer arbeitet auch politisch. Weil er das Gefühl hat, nicht genug zu tun, gibt er mit Kollegen jeden Donnerstag Unterricht in der Unterkunft. Sein Gefühl, nur Tropfen auf heißen Steinen verdampfen zu lassen, teile ich.

Hessen hat gewählt. Zweistellig für die AfD. Mir wird bitterkalt ums Herz.

 

 

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Hessen

Ich habe meinem Land nie getraut. Aber ich dachte nicht, dazu so guten Grund zu haben.

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