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Archive for Mai 2016

Graue Tage

Ein halbes Jahr existiert sie nun, die Notunterkunft in der Turnhalle. Und kaum etwas wird besser. Aussichten gibt es wenige. Aufenthaltstitel oder auch nur eine Anhörung hat seit Ende des letzten Jahres niemand mehr bekommen. Theoretisch dürfen immer mehr unserer Bewohner sich für wenig Geld eine Wohnung anmieten, doch woher sollen sie sie nehmen? Wo finden? Wie sattsam bekannt, war das Angebot vorher schon mehr als mager.

Hostels, Hotels und Ferienwohnungen werden augenblicklich geräumt. Wohl zu teuer, nicht adäquat belegt, was auch immer. Ich habe mich um die Argumentation nicht geschert, sie interessiert mich nicht. Relevant ist, dass die Menschen zurück in die Notunterkünfte getrieben werden. Container werden jetzt lieber auch keine gebaut. Sondern was Langfristigeres. Wann? Keine Ahnung.

Die Stimmung sinkt, das Warten zermürbt, macht müde und killt die Motivation. Fast alle wollen zur Schule, studieren, arbeiten, kaum einer darf das jetzt. Es ist schwer herauszufinden, wer, wann und warum. Und vor allem: woher er die Genehmigung bekommt. Viele dürfen nicht einmal offiziell Deutsch lernen. Das weiß nur niemand, denn Politik und anderen Gestalten liegt viel daran, die Bringschuld allein bei den Geflüchteten anzusetzen, sie darzustellen als diejenigen, die gezwungen werden müssen sich zu integrieren, unsere Sprache, unsere Werte, unsere Leitkultur zu erlernen und sich anzupassen. Wie wenig Gelegenheit sie dazu bekommen, darüber wird die Öffentlichkeit eher nicht in Kenntnis gesetzt.

Konflikte werden häufiger, eskalieren. 200 Menschen mit unterschiedlichsten Geschichten, mit einer unermesslichen Bandbreite an Träumen und Erwartungen, sozialen und ethischen Hintergründen, an Lebensarten, leben Tag für Tag Bett an Bett. Na klar kracht es da. Ein Wunder ist, dass es nicht öfter passiert. Und nicht mehr eskaliert. Psychische Probleme brechen sich Bahn oder entstehen erst, wer weiß das schon so genau.

Wir versuchen es mit Kleinigkeiten, denn am Großen und Ganzen lässt sich wenig rütteln. Mehr Freizeitaktivitäten, ein Sommerfest, mehr Selbstverantwortung. Schulungen für Wohnungssuche, Ausbildungsmöglichkeiten, individuelle Hilfe, wo immer sie möglich ist. Der beste Sozialarbeiter in town, Herr D., versucht, die Essensituation zu verbessern, was zumindest uns bereits ein köstliches Probeessen beschert hat. Er hat auch die Spendenaktion für Leihlaptops forciert, die „ein bisschen Spaß“, wie O. sagt, bringen können. Oder auch Arbeitserleichterung. Information.

O. lebte ein paar wenige Monate in einer Wohnung, die er jetzt wieder räumen musste. Er ist zurück in der Turnhalle, die Tränen, die in seinen Augen standen, als er kam um zu fragen, ob wir ihn wieder aufnehmen können, sind versiegt. Er macht das Beste daraus, lernt ab 12 Uhr nachts, da ist es am ruhigsten. Hat angefragt, ob er ein paar der jungen Männer, seine Freunde, die noch keinen Deutschkurs besuchen dürfen, unterrichten darf im Haus. Aus sehr egoistischen Gründen bin ich froh, ihn bei uns zu haben. Lieber wäre mir, er hätte eine dauerhafte angemessene Bleibe.

Es fühlt sich an, als stehen wir allein auf weiter Flur. Wenn wir am Ende unseres Vermögens angekommen sind wie bei Y., der getriebenen Seele mit psychischen und Drogen induzierten Problemen, dann scheint da – nichts mehr zu sein.

Die Verwaltung versagt in den einfachen Dingen, in den komplizierten ist es vollkommen sinnlos, mit ihr in Kontakt zu treten. Im Landesamt scheint niemand übrig zu sein, der oder die gewillt oder in der Lage ist, in irgendeiner Weise unterstützend oder auch sonstwie zu agieren.

Mir fehlt die Sprache, um die Unfähigkeit, Herzlosigkeit und Ineffizienz dieser und aller anderen beteiligten Behörden zu beschreiben. Wenn Integration oder was immer es ist, das passieren muss, damit wir mit unseren neuen MitbürgerInnen zu einem friedlichen und im besten Fall inspirierenden Zusammenleben finden, in Berlin scheitert, dann ist das zu großen Teilen von diesen zuständigen Behörden zu verantworten, die nicht einmal das pure Verwalten mehr hinbekommen.

Im Fall von Y. hat auch das Krankenhaus versagt, warum auch immer. Kein Interesse, Überforderung? Trotz großem Engagement vom Sozialpsychiatrischen Dienst und einer hoch motivierten Amtsärztin. Interessant wäre zu wissen, ob auch so schlecht gearbeitet wird, wenn es nicht um geflüchtete Menschen geht. Ich hoffe, Y. überlebt. Manchmal macht es keinen so großen Spaß. Hier auf dieser Welt, in dieser Stadt, in der Turnhalle.

 

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Jeggelesnah. Ich komme nicht mehr hinterher. Der Filmabend leidet ein wenig unter der neuartigen Arbeitssituation. Das ist schade. Aber dann haben wir doch einfach mal so drei Filme gesehen und ein neues Motto schon angefangen und ich habe noch gar nichts zum vorhergehenden geschrieben…
Ich mache es kurz: der geliebte Mann hat TGV, einen ganz großartigen, senegalesischen Film von 1998 über eine Bustour von A nach B mit einem Sammelsurium an Charakteren, gezeigt. Ich hatte den Film damals im Kino gesehen und mich zu Recht über das zweite Mal gefreut.
Von mir kam Taxi Teheran von Jafar Panahi, der seit seinem Berufsverbot wegen Kritik an der Regierung Taxi fährt und das einfach zum Film gemacht hat. Ein Potpourri aus Eindrücken aus der iranischen Hauptstadt, das mir ein weiteres Mal klarmacht, dass ich nichts weiß über dieses Land. Nichts. Nado. Viel zu wenig.
Und dann kommt der liebe Freund und setzt noch einen drauf. Nichts richtig Freudiges. The Road ist düster, eine Dystopie, Vater und Sohn auf der Reise ins vermeintlich noch Lebenswerte. Nicht schlecht, bis auf das verkitschte Ende.
Wir haben schon begonnen mit dem nächsten: Der Traum vom Fliegen. Und heute bin ich dran und MIR.FÄLLT.NICHTS.EIN. HILFE!

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Begegnungen

Was die beiden Männer, die serbisch sprachen und die Toiletten, die Gänge, die Küche in der Unterkunft geputzt haben, über all die geflüchteten Menschen aus verschiedenen Ländern gedacht haben? Ich weiß es nicht. Ich habe nie gefragt.

Sie waren freundlich, effizient, zurückhaltend. Haben sich nie beklagt oder beschwert. Haben einfach dazugehört, im Hintergrund gründlich agiert.

Die Aufgabe ist aus mir unbekannten, aber wohl zwingenden Gründen wieder vom Sub- auf das Hauptunternehmen zurückgegangen. Die jetzigen deutschsprachigen Mitarbeiter musste man nicht um ihre Meinung fragen: man hat sie ihnen angesehen.Gespürt. Und wenn man wollte, auch gehört.

Was denen da alles geboten wird! Denen wird geholfen, uns nicht. Mein Mann darf gar nicht wissen, dass ich für solche sauber mache…Angesichts der Unterbringung zu zweihundertst in einer Turnhalle, Bett neben Bett. 10 Euro Kostensatz für die tägliche Versorgung. Von den Ängsten, dem Frust, dem erlebtem Grauen,  der Trennung von den geliebten Kindern, Geschwistern, Eltern, der Hoffnungslosigkeit, der Destabilisierung des Gemütszustandes durch unendliches Warten – davon ist noch nicht mal die Rede.

Die Ausrede der eigenen Perspektivlosigkeit, des Abgehängtseins von der konsumorientierten Leistungsgesellschaft funktioniert nicht. Das Putzen und Wirtschaften mag kein Traumjob sein, aber die Leute können damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Das ist das, was mindestens zwei Drittel der Menschen in der Turnhalle sich für sich ersehnen. Nein, sie würden nicht alle zufrieden Turnhallen saubermachen. Nicht alle, aber einige von ihnen.

Und dann gibt es die Kollegin, die sich anbietet, im nächsten Monat Nachtschicht zu arbeiten, weil „das ja dann nachts mit dem Essen funktionieren muss“. Oder jene, die morgens mit zwei Wassermelonen im Gepäck einläuft, denn „das gibt ja immer große Freude, und ich ess hier ja auch mein Brötchen“. Beide sind nicht mehr und nicht weniger abgehängt als die anderen. Und haben doch Herz.

Ob ihr Mann mittlerweile davon weiß – keine Ahnung. Aber nach drei, vier Wochen guckt sie freundlicher. Muss auch manchmal fast wie aus Versehen lächeln, wenn einer von den jungen, charmanten und gutaussehenden sie mit einem strahlenden „Guten Morgen. Wie geht es Ihnen?“ begrüßt. Es gibt Hoffnung. Begegnung. Wirkt manchmal Wunder gegen Vorurteile. Sag bloß.

 

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