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Archive for September 2016

Momente

S. sitzt vor mir und sagt: “Ich habe das Gefühl, mein Leben ist soeben zu Ende gegangen. Ich will kein Geld, kein Wohnheim. Ich kann mich selbst um mich kümmern. Ich möchte nur ein normales Leben führen, das ist alles. Nur das. Bitte.“

S. kommt direkt aus Finnland zu uns. Dort wurde sein Antrag auf Asyl abgelehnt. Er ist vor zehn Jahren weg aus dem Irak, war hier und dort, auf der Suche nach einem Platz für ihn.

Hier soll er ihn auch nicht finden. Auch wenn Deutschland vielen Irakern das Recht wenigstens auf subsidiären Schutz einräumt – Dublin geht vor. Finnland ist zuständig. Finnland schiebt ab? Nicht unser Problem.

Gleichzeitig ist Y. angekommen. Aus Schweden. Y. kommt ursprünglich aus Mossul. Schweden hat seinen Antrag abgelehnt. “Und jetzt? Soll ich zurück in den Tod?“

A. ist seit Juni bei uns. Letzte Woche hat er vom Bundesamt für Flüchtlinge und Migration in Deutschland mitgeteilt bekommen, dass sein Antrag auf Asyl oder Anerkennung der Flüchtlingseigenschaften abgelehnt wurde und er zurückkehren muss nach Afghanistan.

A. hat in der Anhörung angegeben, dass er mit seinen Eltern ein Stück Land bebaute und so sein Auskommen hatte. Die Taliban haben ihn angeworben, aber er hat sich geweigert. Daraufhin wurde er bedroht, seine Familie bedroht. Mittlerweile sind über 100 Männer in seinem Dorf wegen einer solchen Weigerung ermordet worden.

Aber die eine Person, die beim BaMF seinen Antrag geprüft hat, glaubt ihm nicht. Sie hat die Niederschrift seiner Anhörung gelesen – nicht das Gespräch selbst geführt -, übersetzt von einem nicht geschulten, nicht unbedingt professionellen Dolmetscher, der eventuell nicht mal genau die Sprache von A. spricht, sondern nur eine ähnliche.

Ich kenne den jungen Mann seit knapp drei Monaten und wüsste nicht, warum man ihm nicht glauben kann. Es geht um sein Leben. Begreift das hier denn niemand?

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Jetzt sind es über 10 Monate, dass die Turnhalle als Unterkunft für Geflüchtete dient, und nicht wenige unserer Bewohner sind seit dem ersten Abend da.

Es gibt jetzt Anhörungen, immer wieder subsidiären Schutz für Syrer. Das ist keine Katastrophe. Außer wenn die Familie noch ausharrt – im Krieg oder in von ISIS beherrschten Gebieten. Oder dort, wo gerade die das Sagen haben, die am stärksten sind und sowohl die eine als auch die andere Seite keinerlei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nimmt. 

Die Familie – sowieso nur Eheleute und minderjährige Kinde – kann man nämlich dann zwei Jahre lang erstmal nicht nachholen. Das ergibt gerade für Kriegsflüchtlinge richtig viel Sinn.

Von Herrn J. und seinem Sohn M. habe ich mich heute Abend verabschiedet, ebenso wie von seinem Schwiegersohn A.. Die drei fliegen morgen aus dem genannten Grund zurück. In den Irak. Dort ist es nicht sicher für sie. Wer weiß, ob sie überleben. Aber die Frau, die Mutter, die Schwester und die kleinen Kinder sind noch dort. Und die beiden Männer haben nicht mal eine Ahnung, wann sie zur Anhörung gehen können. Geschweige denn, wann sie den Bescheid erhalten. Nach zwei Wochen? Zwei Monaten? Einem Jahr? Und welchen. Sie haben es nicht mehr ausgehalten. Schweren Herzens gehen sie zurück.Ins absolut Ungewisse. Schweren Herzens müssen wir sie ziehen lassen.

Draußen steht H., man sieht ihm Unruhe an. Auf die Frage, ob alles in Ordnung ist, schüttelt er den Kopf. Nein, er habe gerade mit Herrn J. gesprochen. Fotos gezeigt bekommen. “Der geht zurück. Zu seiner Familie. Ich möchte auch zurück. Wenn ich nur könnte, ich ginge auch zurück. Ich vermisse sie so sehr.“

Manchmal ist es nur schwer auszuhalten. Das Leid, das System, den Hass derjenigen, denen es vergleichsweise so gut geht.

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