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Archive for the ‘Manchmal wütend’ Category

Jetzt sind es über 10 Monate, dass die Turnhalle als Unterkunft für Geflüchtete dient, und nicht wenige unserer Bewohner sind seit dem ersten Abend da.

Es gibt jetzt Anhörungen, immer wieder subsidiären Schutz für Syrer. Das ist keine Katastrophe. Außer wenn die Familie noch ausharrt – im Krieg oder in von ISIS beherrschten Gebieten. Oder dort, wo gerade die das Sagen haben, die am stärksten sind und sowohl die eine als auch die andere Seite keinerlei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nimmt. 

Die Familie – sowieso nur Eheleute und minderjährige Kinde – kann man nämlich dann zwei Jahre lang erstmal nicht nachholen. Das ergibt gerade für Kriegsflüchtlinge richtig viel Sinn.

Von Herrn J. und seinem Sohn M. habe ich mich heute Abend verabschiedet, ebenso wie von seinem Schwiegersohn A.. Die drei fliegen morgen aus dem genannten Grund zurück. In den Irak. Dort ist es nicht sicher für sie. Wer weiß, ob sie überleben. Aber die Frau, die Mutter, die Schwester und die kleinen Kinder sind noch dort. Und die beiden Männer haben nicht mal eine Ahnung, wann sie zur Anhörung gehen können. Geschweige denn, wann sie den Bescheid erhalten. Nach zwei Wochen? Zwei Monaten? Einem Jahr? Und welchen. Sie haben es nicht mehr ausgehalten. Schweren Herzens gehen sie zurück.Ins absolut Ungewisse. Schweren Herzens müssen wir sie ziehen lassen.

Draußen steht H., man sieht ihm Unruhe an. Auf die Frage, ob alles in Ordnung ist, schüttelt er den Kopf. Nein, er habe gerade mit Herrn J. gesprochen. Fotos gezeigt bekommen. “Der geht zurück. Zu seiner Familie. Ich möchte auch zurück. Wenn ich nur könnte, ich ginge auch zurück. Ich vermisse sie so sehr.“

Manchmal ist es nur schwer auszuhalten. Das Leid, das System, den Hass derjenigen, denen es vergleichsweise so gut geht.

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Kapitel Eins

„Ja“, meint M., der schon eine Weile hier ist, „wir leben nicht frei in unserem Land. Aber viele leben trotzdem gut, vor allem die Männer. Und nicht jedem liegt das Leben hier: dort hast Du immer jemand um Dich, Du bist quasi nie allein. Hier immer. Das lässt sich oft schwer ertragen. Die Frage ist, warum Du weggehst: weil Du dort nicht mehr sein kannst, oder weil Du denkst, woanders ist es besser. Es werden einige zurückkehren.“

Kapitel Zwei

„Ich möchte zurück“, erklärt der junge Mann, der im Büro steht. „Warum?“ „Ich habe dort, wo ich herkomme, ein Haus, ein Auto, einen kleinen Laden. Ich lebe dort nicht schlecht.“ Naja, denkst Du, dann sehen wir mal zu, wie wir ihm dabei helfen können, auf schnellstem Weg wieder in seine Heimat zu gelangen. Ein paar Stunden später steht er mit einem Wachmann in der Tür, einem Wachmann, der vor längerer Zeit aus demselben Land geflohen ist. „Jetzt erzähl‘ mal, wirklich“, sagt der Wachmann. Und langsam, von Tränen unterbrochen, entsteht die ganz andere Geschichte: von Grausamkeit, Angst und Verfolgung. Von der Familie, der Frau, den Kindern, den Eltern, die jetzt aus der unmittelbaren Gefahrenzone gebracht wurden und in einer Ruine hausen – ohne fließend Wasser, ohne Strom. Wovon sie leben? Wer weiß. Wie lange sie überleben? Kann keiner sagen.
Er hat nichts mehr, der junge Mann, die Idee war, der Kräftigste wagt den langen Weg, um dann die Schwächeren sicher und schnell nachzuholen. Er dreht durch vor Sorge und schnell und sicher geht hier gar nichts. Er will zurück, weil er denkt, ihnen so vielleicht besser beistehen zu können. Oder wenigstens mit ihnen zusammen zu sterben. Auch der Wachmann hat Tränen in den Augen.

Kapitel Drei

Die Sirenen heulen. Der Krankenwagen ist auf dem Weg, jemand hat sich die Hände aufgeschnitten, überall im Bad ist Blut. Er wird mitgenommen, hält es in der Psychiatrie nicht aus und dort auch nicht. Er läuft ihnen weg, kommt zurück, will nirgends richtig bleiben. Was ist los? Worum geht es? Er will zurück in den Krieg, dort ist seine Frau, dort ist seine Familie. Mittendrin.
Er hat nicht viel überlegt, was er sich von der Flucht erhofft. Eigentlich wollte er dort bleiben, aber das ist unmöglich. Hier ist es auch unmöglich, er wird immer wieder behandelt wie Dreck, ohne Respekt, „es gibt keine Ehre“, sagt er: nicht in seinem Land, aber auch nicht beim Anstehen in den Behörden, nicht in der vorherigen Unterkunft, in der keiner ist, den man ansprechen kann, der sich kümmert, in der er von der Security gedemütigt und sogar geschlagen wird. Von Unterstützung ist keine Rede, bei dem, von dem er selbst nicht wirklich weiß, was es ist.
Aber nicht einmal dabei, wieder in der Krieg zurückzukehren, hilft ihm jemand. „Dorthin führen wir niemand zurück, das geht nicht.“ Außerdem haben sie seinen Pass, wer weiß, wo er abgeblieben ist, interessiert auch keinen. Nicht beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, nicht bei der Ausländerbehörde, nirgendwo anders. Keiner ist zuständig und keinen interessiert’s.
Uns schon, mich schon. Ich sichere ihm zu, dass wir ihm helfen, auch wenn es mir das Herz bricht, ihn in den Krieg zurückgehen zu sehen. Ich versuche zu vermitteln, dass er sich nicht verletzen muss, um Unterstützung zu bekommen. Er nickt, lächelt und ich denke, jetzt bekommt er endlich, was er braucht, die Hilfestellung im fremden Land um das, was er entschieden hat, umsetzen zu können, ein normaler, freundlicher Umgang unter Gleichen. Er hat sich bereits ein Flugticket nach Griechenland besorgt, um den umgekehrten Weg zu nehmen. Man hat ihm erzählt, man würde seinesgleichen so gerne schnell wieder loswerden, dass man ihn auch ohne gültige Ausweispapiere ins Flugzeug steigen lässt. Wir sind skeptisch, hoffen eigentlich, dass die Menschenverachtung nicht so weit geht, man wird sehen.
Am darauffolgenden Abend kommen wieder die Sirenen. Er hat sich erneut in die Hände geschnitten, dieses Mal tiefer. So einfach ist es nicht. Nichts ist einfach, gar nichts.

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„Der zweite war jetzt aber auch ein ganz Netter,“ sagt der – zugegebenermaßen auch nette – Fotograf, der im Büro versucht, typische Bilder für die Webseite einzufangen, ein bisschen verwundert. „Das sind hier viele,“ sage ich, „deshalb arbeite ich so gerne hier.“ In der Flüchtlingsnotunterkunft, einer Turnhalle mit 200 Männern aus verschiedenen Teilen der Welt. „Naja, von draußen denken halt viele, die schlagen sich in den Massenunterkünften alle immer nur die Köpfe ein“, sagt er. „Wenn sie 3 bis 4 Monate in diesen Verhältnissen leben müssen, schlagen unter Umständen auch die Netten mal zu.“ „Ja, das muss jeden an seine Grenzen bringen.“

M., dessen Angelegenheit ich mich erst ein, zwei Wochen später angenommen habe, weil sie im täglichen Betrieb hinten runtergerutscht ist, denkt, dass es die Regierung des Landes, aus dem er kommt, einigermaßen mit Befriedigung erfüllt zu erfahren, was die eigenen Leute in der Fremde so an Schlechtem erleben. „But this camp is a good one. It’s not about the papers that is really important, it is how people are dealt with. Friendly, with respect.“ Ich wüsste nicht, mit welcher Begründung wir das anders machen sollten, halte es für selbstverständlich. Er sagt, das ist es nicht.

G. kommt ins Büro, einen handbeschriebenen Zettel in der Hand. Er möchte so gern endlich arbeiten. Als Bäcker, denn das ist „sein Hobby, seine Erfahrung. Es ist, was ich möchte arbeiten, bitte.“ Eigentlich darf er das noch nicht, aber er bewirbt sich und bietet sich zum Probearbeiten an. Damit er gleich loslegen kann, sobald der Status es erlaubt. Es ist fraglich, ob das jemals der Fall sein wird.

Mir gegenüber sitzt L. mit einer Vorladung wegen Dublin III. Er ist vor Jahren vor dem ewigen, noch heute andauernden Krieg aus seiner Heimat geflohen, ist durch Europa gezogen, hat in Italien, England, Norwegen gelebt, mal hier mal dort, meist auf jeden Fall illegal. Legal in Italien. „Documents are not a problem in Italia. But living is. A place to sleep, a job, food. Sleep on the streets. No chance of getting work. This is no life.“ Ich schaue ihn an und weiß, das stimmt. Ich organisiere für ihn eine Beratung, aber Hoffnung habe ich keine. „Is no problem. They’ll send me back to Italia, eh?“ Glücklicherweise ist er schon draußen, als mir die Tränen in die Augen steigen.

Der Deutschlehrer arbeitet auch politisch. Weil er das Gefühl hat, nicht genug zu tun, gibt er mit Kollegen jeden Donnerstag Unterricht in der Unterkunft. Sein Gefühl, nur Tropfen auf heißen Steinen verdampfen zu lassen, teile ich.

Hessen hat gewählt. Zweistellig für die AfD. Mir wird bitterkalt ums Herz.

 

 

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Hessen

Ich habe meinem Land nie getraut. Aber ich dachte nicht, dazu so guten Grund zu haben.

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Seit Tagen möchte ich was dazu schreiben. Das hat jetzt jemand anders so gut gemacht, dass ich es erstmal lasse.
Danke, kiezneurotiker.

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Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: ich fand die Kommentare von Tim Hunt unmöglich. Blöd. Platt. Stammtischniveau. Ich habe keine Ironie rausgehört. Aber wer weiß? Ich war nicht dabei, als er seine Sprüche vom Stapel ließ.

Ich unterschätze sicher nicht die Schwierigkeiten, die Frauen zu überwinden haben, wenn sie sich in männerdominierten Arbeitsfeldern etablieren wollen. Deshalb finde ich die Reaktionen der Wissenschaftlerinnen unter #distinctivelysexy auf Twitter großartig: witzig, intelligent, treffsicher. Sie wissen sich offenbar zu wehren, die Wissenschaftlerinnen, gegen das dumme Geschwätz von Hunt. Von dem wir ja tatsächlich nicht einmal wissen, wie es genau gemeint war.

Denn soweit mir das bekannt ist, wurde er nicht danach befragt. Nicht jedenfalls vom University College London, bevor es ihn vor die Wahl zwischen Rücktritt oder Kündigung stellte bzw. ihm diese über seine Frau vermitteln ließ, Professor Mary Collins, Professorin für Immunologie, ebenfalls am UCL.

Ich habe die Selbstgerechtigkeit des Internets satt. Die Schwarz-Weiß-Malerei. Die Empörung für die richtige Sache, die nicht beide Seiten hören möchte, sonst würde sie eventuell noch ausgebremst. Relativiert.

Ich fand den Kommentar von Tim Hunt unmöglich. Aus dem Zusammenhang gerissen. Was, wenn seine Frau recht hat? Wenn er zwar blöd daher redet, aber auf keinen Fall ein Sexist ist? Und egal, wie es gemeint war, was er sagte, war nicht so entsetzlich und diskriminierend, dass es diese Hexenjagd rechtfertigt und er deshalb seine Position als Wissenschaftler aufgeben muss.

Ich fände es wichtig, dass wir auch in unserem gerechten Zorn und bei den heutigen Möglichkeiten, diesen einer großen Öffentlichkeit kundzutun, die Verhältnismäßigkeiten wahrten.

Neulich. Auch zum Thema. Oder so ähnlich. Vom Kiezreporterneurotiker.(Entschuldigung.)

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Von mir aus sollen sie schnell groß werden und sich in ihrem eigenen Leben unangemessen anziehen oder morgens mit der neuen besten Freundin die gestrige anzicken. Dann weiß ich einfach nix davon.

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Es wurde ein Tatverdächtiger festgenommen, es soll sich um einen Mitbewohner des am 13. Januar im Innenhof seines Wohnhauses in Dresden tot aufgefundenen eritreischen Flüchtlings Khaled Idris Bahray handeln. In vielen Kommentarspalten zu den entsprechenden Berichten finden sich nun Menschen, die dieses Ermittlungsergebnis anzweifeln – die Kommentare der besorgten Bürger und anderer Fremdenfeinde, Rechtsradikaler und Kleingeister lese ich nicht, möchte ich mir nicht einmal vorstellen.

Einen weiteren Ermittlungsfehler der Dresdner Polizei halte ich für vorstellbar, aber nicht sehr wahrscheinlich. Wahrscheinlicher erscheint mir, dass viele Menschen, die von einem rassistischen Motiv für das Tötungsdelikt ausgegangen waren, einfach nicht wollen, dass es keines war. Auch ich habe eher an eine Tat aus Fremdenhass gedacht, hielt anderes aber auch für eine Möglichkeit. Es ist nicht ganz leicht auszuhalten, dass die andere Seite vielleicht „recht“ hatte, es fühlt sich fast so an, als hätte man verloren gegen die, die immer schon gesagt hatten: „Das waren die gegenseitig“ und jetzt hämisch grinsen. Auch wenn jemand dabei ums Leben gekommen ist.

Mal ganz abgesehen davon, dass es eigentlich nicht (uneigentlich vielen von uns aber eben schon) um Rechthaben und Gewinnen/Verlieren geht, sondern um den Tod eines Menschen und das Leid, das dieser verursacht, besteht das zu Grunde liegende Problem, nämlich dass ein rechtsradikaler Hintergrund für den Mord glaubwürdig ist, ungeachtet des tatsächlichen Tathergangs weiter.

Pro Asyl sagt dazu:

Weil es gegen die Flüchtlinge, die mit Khaled in einer Wohnung untergebracht waren, wiederholt rassistische Drohungen gab und Asylsuchende und Migranten in Dresden generell von einer Zunahme rassistischer Pöbeleien berichteten, hatten viele ein rassistisches Tatmotiv befürchtet. Die Befürchtungen waren den aktuellen Informationen nach unzutreffend – aber waren sie unbegründet? Wenn man sich die rassistischen Kommentare ansieht, die der Fall nach sich zieht, und berücksichtigt, dass sich Flüchtlinge und Migranten immer öfter Angriffen und Beleidigungen ausgesetzt sehen und sich zum Teil Montag Abends in Dresden nicht mehr auf die Straße trauen, leider nicht.

Ich möchte dem hinzufügen, auch wenn man das von rassistischen Aus- und Vorfällen geprägte Verhalten der gesamtdeutschen, insbesondere der sächsischen und in diesem Fall der Dresdner Polizei betrachtet, unterstützte dies den Eindruck, dass ein Zusammenhang mit den montäglichen PeGiDa und sonst-wer-Aufmärschen Demos vertuscht werden sollte – dabei war es wahrscheinlich doch einfach nur Unvermögen gepaart mit dem gewohnten institutionellen Alltagsrassismus, die dazu geführt haben, dass man den Tod eines in seinem Blut liegenden Asylbewerbers unmittelbar als nicht fremdverschuldet einschätzte.

Es gibt guten Grund für den grundsätzlichen Mangel an Vertrauen in die Ermittlungsbehörden – während der Ermittlungen ebenso wie jetzt in Bezug auf das Ergebnis. Als Sicherheitsgaranten gegen rassistisch motivierte Gewalttaten taugen sie beileibe nicht.

Ein junger Mann, der vermutlich hoffnungsvoll einen gefährlichen und langen Weg auf sich genommen hat, um eine Chance auf ein besseres Leben zu bekommen, hat sein Leben kurz nach Erreichen des Zielortes verloren. Ein anderer, der vielleicht dafür verantwortlich ist, hat sich möglicherweise die sowieso nur sehr geringe Chance auf eine positive Lebensperspektive zerstört – das macht mich sehr traurig und ich wünsche den Freunden und Verwandten viel Kraft, um damit fertig zu werden.

Die Tatsache, dass es hätte sein können, dass Menschen in Deutschland diese Tat begangen haben, weil sie ihren tiefen Hass und ihr Unvermögen, ihr Leben lebenswert zu gestalten, auf Schwächere, Fremde, Andersdenkende, etc. richten und ihr mickriges Selbstwertgefühl aufwerten, indem sie diesen Gewalt antun, löst in mir Verzweiflung und Schrecken aus.

Dass es in diesem Fall – noch – nicht soweit war, erleichtert mich ein bisschen. Ein ganz kleines bisschen. Auch wenn es eigentlich nicht um mich geht.

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Recht und Moral

Wie merkwürdig das alles ist. Und wie sehr die Berichterstattung der Medien die relevanten Aspekte ausklammert, ich meine die für mich relevanten Aspekte.

Bei Sebastian Edathy wurde durchsucht. Verdacht auf Besitz von Kinderpornographie. Oder so ähnlich. Was denn nun genau? Wann ist etwas Kinderpornographie und damit strafrechtlich relevant?

Mir ist es nicht so wichtig, ehrlich gesagt. Der Name Edathy ist aufgetaucht im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen einen kanadischen Kinderpornoring, der über lange Zeit Schreckliches getan hat, Unfassbares. Kinder wurden missbraucht im großen Stil, damit wurde Geld gemacht. Wenn dabei – sozusagen nebenher – auch ’nur‘ Nacktfotos entstanden sind, mit denen es keine strafrechtliche Bewandtnis hat und auf diese, wie Gerüchte nun behaupten, von Herrn Edathy zugegriffen wurde, finde ich persönlich das nicht entschuldbar, moralisch nicht entschuldbar. So wie ich es generell mindestens irritierend finde, dass überhaupt jemand im Netz nach Bildern von nackten Kindern sucht und diese herunterlädt. Ich würde schon sehr genau den Grund wissen wollen, warum das jemand tut. Und vieles anzweifeln.

Allerdings: es ist nur ein Gerücht, wie so vieles in dieser Geschichte. Und auch eine Person des öffentlichen Lebens hat das Recht, nur dann ver- und beurteilt zu werden, wenn eindeutig Schuld feststeht. Möchte ich wissen, ob jemand, der mich in der Regierung dieser Gesellschaft, in der ich lebe, vertritt, ein Interesse an Kindern als sexuelle Objekte hat? Ja, möchte ich. Ob ich ein Recht darauf habe, so lange er nach dem offiziellen Recht dieser Gesellschaft handelt? Eher nicht. Auf keinen Fall aber ist es Recht, dass diese Vorgänge einer Öffentlichkeit präsentiert werden, so lange dieser Person nichts nachgewiesen ist. Ich sehe an mir selbst, was passiert, wenn solche Gerüchte in die Welt gesetzt werden.

Der andere Punkt ist: ich bin keine Verschwörungstheoretikerin, eigentlich nie. Bei Bundes- und Landeskriminalämtern allerdings bin ich vorsichtig. Seit einiger Zeit halte ich da alles für möglich. Was für ein Zufall, dass ausgerechnet Herr Edathy diesen Ämtern im letzten Jahr sehr nahe gekommen ist, sie mehrfach massiv kritisiert hat wegen ihrer schweren Versäumnisse bei den NSU-Morden. Ist er nur lästig oder kann er ihnen tatsächlich gefährlich werden? Wer weiß.

Vielleicht nicht. Vielleicht haben sich auch nur bestimmte Leute in bestimmten Positionen sehr auf den Schlips getreten gefühlt. Vielleicht gibt es nur ganz leichte Berührungspunkte zwischen Edathys IP-Adresse und dem kriminellen kanadischen Unternehmen – wenn überhaupt -, die so geartet sind, dass sie keinen was angehen. Und vielleicht haben bestimmte Menschen die willkommene Gelegenheit ergriffen, auf dieser Basis einen unangenehmen Gegner auszuschalten. Nachhaltig und auf Dauer.

Ich behaupte nicht, dass es so war. Ich halte es nur für möglich. Und ich wundere mich. Dass kaum eine der renommierten Medien bislang auch nur einen dieser Aspekte aufgegriffen hat. Dass sich alles an der Oberfläche aufhält, ein bisschen gerechten Volkszorn entzündet: ob der Geheimnisausplauderei des Bundesinnenministers. Und vielleicht anderer Politgrößen. Komischerweise kaum ob der Geheimnisausplauderei von wem auch immer gegenüber Lokaljournalisten („Die Harke“), die bei der Hausdurchsuchung vor Ort waren.

Bundesinnenminister Friedrichs ist keiner jener, von denen ich gerne vertreten werde. Dennoch ist sein Verhalten – so unrechtmäßig es nach offizieller Lesart gewesen sein mag – für mich bisher am nachvollziehbarsten und moralisch eher in Ordnung, mag er aus rein menschlichen Beweggründen so gehandelt haben oder um die neue Regierung vor größerem Schaden zu bewahren. Verständlich finde ich ebenso das Verhalten derjenigen, die Sebastian Edathy offenbar von den Anschuldigungen gegen ihn berichtet haben. Nahestehenden sagt man rechtzeitig, wenn sie bedroht werden. Ich fände es eher merkwürdig, würde das nicht geschehen.

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Ich war also gespannt. Auch deshalb, weil ich mir schon dachte, dass der geliebte Mann sich etwas einfallen lassen wird zu diesem Thema, mit Bildern vom Mannsein, von Männlichkeit, spielen wird. Und ich hatte recht.

Wir sahen Parada, eine dramatisch-tragische Komödie um die Versuche, eine Gay Pride Parade in Serbiens Hauptstadt Belgrad zu etablieren. Gegen eine große Menge gewaltbereiter, hassgetriebener Homophober, gegen die Mehrheitsgesellschaft, und auch gegen oder zumindest ohne Unterstützung durch staatliche Stellen oder die Polizei.

Srdjan Dragojevic wurde vieles vorgeworfen bei der Bearbeitung dieses schwierigen Themas, vor allem auch die komödiantische Inszenierung mit ihren Plattheiten, ihrem Mangel an Subtilität, ihrer Schwarz-Weißmalerei und ihrer ach so einfachen Konvertierung der Schwulenhasser in Freunde. Er selbst sagt sinngemäß, er wollte die Homophoben des Landes erreichen, nicht die Intellektuellen und dazu braucht es Unterhaltung, kein ArtyFarty.

Beeindruckend finde ich, dass egal, wie boulevardesk die Darstellung sein mag, klar ankommt: die Wirklichkeit für Menschen, die nicht einer gesetzten Norm entsprechen und auch nicht nach einer solchen leben wollen, ist im ehemaligen Jugoslawien keineswegs ein Spaß, sondern ein teilweise lebensbedrohlicher Spießrutenlauf.

Der liebe Freund sagte es: „Das kommt mir vor wie eine Rückschau ins tiefste Mittelalter der Homophobie.“ Und doch ist es das keineswegs. Nach dem gewaltsamen Scheitern eines ersten Versuches einer Gay Pride Parade in Belgrad 2001 fand 2010 tatsächlich die erste Gay Pride Parade statt: über 5000 Polizisten schützten sie vor mindestens genauso vielen gewalttätigen Homophoben, unter ihnen Neonazis und rechte Ultras. Ideologisch gestützt von der serbisch-orthodoxen Kirche.

Bei den schweren Auseinandersetzungen wurden über hundert Menschen verletzt, die Innenstadt teilweise verwüstet. 2011 und 2012 sind von den Verantwortlichen keine Genehmigungen für die Parade mehr erteilt worden. »Lasst mich doch in Ruhe mit diesen Menschenrechten, hier geht es um die Sicherheit der Menschen. Scheiß auf die EU, wenn die Gay-Pride die Eintrittskarte ist.« sagt Ivica Dačić, der serbische Ministerpräsident.

Genau, Scheiß doch auf die Menschenrechte. Pardon my language.

Umso bewundernswerter dieser im ganzen ehemaligen Jugoslawien höchst erfolgreiche Film. Vielleicht ändert sich ja was, innen drin, von unten. Nicht verordnet von oben, von außen.

Mehr zum Thema:
http://www.beatpunk.org/filme/srdan-dragojevic-parada/
http://jungle-world.com/artikel/2012/42/46418.html
http://www.guardian.co.uk/world/2012/oct/03/serbia-bans-gay-pride-march

PS: Nächstes Mal ein ungewöhnliches Intermezzo mit Gastbeitrag. Übernächstes Mal: „Wir gehen auf die Straße.“ Da lässt sich das ein oder andere finden, denke ich.

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