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Posts Tagged ‘Autofahren’

Je älter ich werde, desto mehr weiß ich gewisse Dinge aus der mal enger, mal weiter gefassten Gegend, aus der ich komme, zu schätzen. Von den Menschen, die dort geblieben sind, mal ganz abgesehen, sind das, um nur einige zu nennen, Weißwürste und Leberkäse, Bergwiesen, helles Bier, viel Schnee – und das zweite Radioprogramm des Bayrischen Rundfunks. Wer hier schon länger mitliest, weiß das alles bereits.

Ebenfalls bekannt ist denjenigen, dass ich auf den Fahrten in die alte Heimat in dem Moment, in dem ich die Brückenraststätte Frankenwald passiert habe, anfange, das Autoradio zu trietzen, bis es Bayern 2 gefunden hat. Auf der Rückfahrt wird die Reichweite ausgereizt, bis nichts mehr zu verstehen ist, was erstaunlich schnell geschieht, wenn man die Grenze zu Thüringen überschritten hat.

Das alles mag ziemlich zum Leidwesen der häufig jungen MitfahrerInnen geschehen, die auf der Suche nach einer günstigen Reisemöglichkeit auf mich im einschlägigen Mitfahrgelegenheitsportal gestoßen sind. Mir wenigstens wäre Anfang 20 eine solche Person am Steuer schrecklich alt vorgekommen. Aber da müssen sie durch. Mit der Familie ist das schwieriger.

Mein Mitfahrer auf dem Weg nach Augsburg war dieses Mal ein zurückhaltender, vielleicht auch, weil es ihm nicht ganz leicht fiel, Deutsch zu sprechen und zu verstehen. Mir war es recht, ich war nicht in Plauderlaune. Die Mitteldeutscherundfunksvermeidungs-CD war gerade zu Ende, als wir nach Bayern hineinfuhren. Der Lieblingssender war schnell gefunden, aber im ersten Moment war ich nicht sicher, ob die Anzeige des Radios richtig liegt: die Musik klang außergewöhnlich orientalisch in meinen Ohren und ich dachte, einen Weltmusik- oder einen Fremdsprachensender erwischt zu haben.

Bevor ich aber weitersuchen konnte, bat mich der Beifahrer, die Musik ein bisschen lauter zu stellen, ein Wunsch, dem ich natürlich nachkam. Und siehe da: wir waren beim „Breitengrad“ gelandet, der samstäglich/mittwöchigen Auslandreportage, in der es in diesem Fall um Jugend und Heiraten in Marokko ging, dazu die mich orientalisch anmutende Musik, Hochzeitsmusik marokkanischer Herkunft.

Ob mein Mitfahrer die Reportage mochte, ob er genügend davon verstanden hat, um das zu beurteilen – ich weiß es nicht, obwohl auch ein solches Gespräch sehr spannend gewesen wäre. Aber wir genossen beide zu sehr, nicht reden zu müssen, die Fahrt verlief auf eine angenehme Weise schweigend, zuhörend, in freundlicher Stimmung.

Mit der jungen Frau auf der Rückfahrt hatte ich mehr Gesprächsstoff, wir unterhielten uns phasenweise angeregt, mit Pausen, in denen sie versuchte zu schlafen und sich und die angestrengten Stimmbänder von ihrer schweren Erkältung zu erholen. In einer solchen Pause machte ich das Radio an, um nicht selbst wegzuschlummern. Das allerdings führte dazu, dass es auch ihr nicht gelang, ganz zur Ruhe zu kommen. Grund war offenbar nicht, dass sie sich vom Gerede gestört fühlte, sondern dass sie den Bericht über „Die Lebensaufgabe der Sintiza Rita Prigmore“ so spannend fand, dass sie nicht aufhören konnte zuzuhören.

Nach dem Hinweis auf das nachmittägliche Hörspiel – Die Blendung von Elias Canetti – fragte sie interessiert, was das denn für ein hervorragender Radiosender sei. Leider kam das Hörspiel für uns außer Reichweite, aber häufig lassen sich die Hörspiele, und auch andere Sendungen, auf der Webseite herunterladen.

Neuerdings überlege ich, ob ich nicht gleich bei der Suche nach Mitfahrenden angebe: Interesse an hochwertiger Radiounterhaltung von Vorteil.

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