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Posts Tagged ‘Metamorphose’

Der liebe Freund und ich haben das Thema ähnlich interpretiert, wenn auch anhand unterschiedlicher Genres. Bei uns beiden geht es um den Aufbruch aus unaushaltbaren Zuständen und Milieus, um drastische Eskalationen als Auslöser und um Frauen als zentrale Figuren, die den Aufbruch wagen.

When Animals Dream erzählt von einer jungen Frau in einem provinziellen Umfeld, die von derselben „Krankheit“ befallen ist wie es schon ihre mittlerweile ruhig gestellte Mutter war. Mit seinen dem Horrorgenre entlehnten Elementen ist es in den Augen des lieben Freundes ebenso wie in meinen eine vielschichtige Allegorie – auf die Einschränkungen des Anderen, von der Norm Abweichenden durch eine etablierte Regelhaftigkeit, in diesem Fall durch Traditionen und ungeschriebene Gesetze der lange bestehenden Gemeinschaft ohne nennenswerte äußere Einflüsse, aber ebenso auf die Abwehr der neu erwachten weiblichen Sexualität, die in ihrer ungebändigten, freien Form einem restriktiven, patriarchal geprägten Milieu Angst macht, und auch auf die Ängste und starken Emotionen, die die Pubertät und die einhergehende Veränderung in Körper udn Seele im eigenen Inneren verursacht. Das muss man mögen und wie sich schon bei The Company of Wolves zeigte, ist es das Ding des geliebten Mannes nicht. Überhaupt nicht.

In der folgenden Woche war der Konsens wieder größer. Ich hatte das Motto ausgesucht, weil ich seit langem einen Film zeigen wollte, der mich vor fast zwanzig Jahren ungeheuer beeindruckt, aber auch emotional so mitgenommen hatte, dass ich mich lange nicht mehr an ihn ran traute. Once Were Warriors von Lee Tamahori schildert tief berührend ein städtisches Maori-Milieu am sozialen Rand, geprägt von sozialem Wohnungsbau, Alkoholmissbrauch und unkontrollierten Gewaltausbrüchen, in dem die Protagonisten mehr oder weniger perspektivlos gefangen sind.

Für beide Männer war der Film von 1994 neu, beide fanden ihn gut. Übereinstimmend stellten wir fest, dass wir wenig bis keine Ahnung vom Leben der Maori haben, wobei ich nicht glaube, dass es zum grundsätzlichen Verständnis des Films notwendig ist, er funktioniert auch ohne Hintergrundwissen. Ich befand ihn auch dieses Mal als äußerst sehenswert, obwohl er mir ein wenig schablonenhafter – vor allem in der Gegenüberstellung des desolaten städtischen Milieus mit dem Positiv einer traditionell orientierten, außerstädtischen Maori-Gemeinschaft – vorkam. Eher nachdenklich stimmt mich die Tatsache, dass ich mit der Gewalt im Film deutlich weniger Probleme hatte als vor 20 Jahren: die explizite Darstellung hielt ich damals wie heute für notwendig, damit der Film funktioniert. Aber meine Sehgewohnheiten scheinen sich dahingehend verändert zu haben, dass mich die Darstellung heute weit weniger berührt und entsetzt; sie scheint für das Medium zur Norm geworden zu sein.

Und gestern hat nun der Mann ein echtes Schätzchen gezeigt. Ich kann mir nicht erklären, warum Cheyenne – This Must be the Place mit einem grandiosen Sean Penn als gewesener Popstar amerikanisch-jüdischer Herkunft so vollkommen an mir vorbeigegangen ist, als er vor drei, vier Jahren ins Kino kam. Ich habe gestern abend Dialoge gehört, die zum Besten gehören, was mir seit Jahren im Kino untergekommen ist, gespickt mit wunderbaren Weisheiten und Witz, beeindruckende Bilder gesehen, die mich wünschen ließen, den Film nochmal auf großer Leinwand sehen zu dürfen, mich in Sean Penn verliebt.

Ich habe nichts erwartet und Großartiges bekommen – da könnte es aber auch einen Zusammenhang geben. Ich muss den Film nochmal anschauen, um zu entscheiden, ob wirklich unter den ersten Zwanzig besteht, und ich freue mich darauf. Man muss das sehr Skurrile mögen, man muss sich einlassen können aufs Absurde, so wie sich die Menschen auf dem Weg auf den exaltierten Cheyenne einlassen müssen. Dann bietet sich einem viel zu lachen sowie ein insgesamt sehr erfreuliches cineastisches Erlebnis.

Mal sehen, was die nächsten sein werden, wenn wir nach Herrn Nils Klims Vorgabe „Dysfunktionale Familie“ gucken.

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Der gute Freund hat es verstanden, die intellektuelle Diva unter uns, die auf Grund der letzthin gewählten Filme bereits den Verfall des cineastisch Niveaus beklagte, zu besänftigen und – zumindest was mich betrifft – wieder einen pädagogischen Aspekt in unseren dienstäglichen Filmabend einzubringen. Wir sahen Themroc, die Metamorphose vom „Fröhlichen Proletarier“ zum steinzeitlichen Anarchisten.

Ich fand den Film faszinierend, wie er ohne echte Worte Sinn entstehen lässt, wie Bilder, Grunzen, Gesichtsausdrücke die Geschichte des im ewigen Alltagstrott gefangenen Arbeiters Themroc erzählen, der nach einer Standpauke durch den Chef den unsinnigen Job als Anstreicher verlässt, sein Zimmer zumauert, die Außenwand der Wohnung aufschlägt und zum triebhaften Höhlenmensch wird, dessen Anarchismus auch die Staatsgewalt nichts anhaben kann und der nach und nach immer mehr Nachahmer findet.

Allerdings fehlt mir der Mittelteil – meine Augen wollten nicht offen bleiben. Wegen der französischen Herkunft des Werks? Weil er zu sehr ein Spiegel seiner und nicht meiner Zeit ist? Oder bin ich einfach zu bequem geworden, mag dieses „Artyfarty“-Gedöns nicht mehr, sondern lieber „anspruchsvolle Unterhaltung“? Bin ich milde geworden oder faul? Beides?

Schon allein dafür liebe ich unseren Dienstag abend: für die Auseinandersetzung mit dem, was ich mir freiwillig immer weniger aussuchen würde.

P.S.: Der Widerstand gegen die Staatsgewalt kulminiert darin, dass zwei der Polizisten gebraten und verspeist werden. Die Vorgabe fürs nächste Mal: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“. Kommentare dringend erwünscht.

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